Folge 09 - Alter schützt vor Torheit nicht
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Nele: Herzlich willkommen bei Hier und Ort, wo Geschichte zu Hause ist. Ich bin Nele. Marcel Ich bin Marcel und in diesem Podcast nehmen wir euch mit an Orte, die mehr erzählen, als man denken würde. Nele Diese Woche sind wir an einem Ort, der seit zweitausend Jahren da ist und über den man trotzdem lange Zeit merkwürdigerweise nicht viel wusste. Doch bevor es jetzt mit der heutigen Folge losgeht, kommt erst einmal zur Einstimmung das Kopfkino. Kopfkino: Autos rauschen vorbei, Ampeln blinken, Menschen bleiben stehen und schauen nach oben. Mitten im heutigen Trier steht ein Bauwerk, das aus der Zeit gefallen scheint. Dunkler Sandstein, aufgeschichtet zu einem gewaltigen römischen Tor.
Erst auf den zweiten Blick erzählen die Steine ihre Geschichte. Herausgebrochene Eisenklammern, abgeschabte Stellen, Spuren von Jahrhunderten, in denen Menschen hier etwas suchten, mitnahmen, hinterließen. Das Tor war: nie ganz fertig, wurde zur Kirche umgebaut, wieder freigelegt und immer weiter genutzt. Was das mit mittelalterlichen Pilgern, Napoleon und Karl Marx zu tun hat, das erfahrt ihr in der heutigen Folge. Nele Gut, Marcel, das Kopfkino hat's sogar schon verraten heute. Wir sind in Trier und wir sind an einem Gebäude, das zu den bekanntesten in ganz Deutschland gehört. Marcel Ja, wahlweise kann man einige Superlative vergeben. Das größte römische Tor nördlich der Alpen. Ich glaube, in manchen Darstellungen auch das größte römische Tor überhaupt, das bedeutendste römische Baudenkmal in Deutschland, die Porta Nigra. Nele Die Porta Nigra, das schwarze Tor. Vielleicht gleich vorweg wegen des Namens: Schwarz sieht's heute nicht mehr aus. Das ist gereinigt worden, aber im Mittelalter waren die Steine ganz schön schwarz verrußt und da wurde der Name auch geprägt.
Marcel Porta Nigra ist zwar ein lateinischer Name, aber es ist nicht der originale Name dieses: Tores, sondern man hat das im Mittelalter wegen der schwarzen Farbe so verwendet, wie das Tor eigentlich genannt wurde, weiß man gar nicht so genau. Nele Jetzt ist ja größtes erhaltenes römisches Tor auf der ganzen Welt oder nördlich der Alpen, je nach Definition. Das ist ja 'n Riesending, also buchstäblich natürlich, aber auch, ähm, jetzt für Deutschland von großer Bedeutung. Da müssen wir uns natürlich fragen: Wie kommt das denn dahin? Jetzt heute ist ja Trier ist 'ne hübsche Stadt, ist 'ne Großstadt, aber ist ja nicht unter den größten deutschen Städten. Aber das sah zur Zeit der Römer ganz anders aus. Marcel Trier kann man ja mit 'ner gewissen Berechtigung als eine der ältesten oder vielleicht die älteste deutsche Stadt überhaupt bezeichnen, wurde noch vor unserer Zeitrechnung, 18 vor Christus, gegründet und hatte eben auch damals schon das volle römische Stadtrecht.
Das heißt also, es war eine Stadt, die sich durch bestimmte Bauwerke auszeichnete. Also ist ja auch heute so, dass Städte unterschiedliche: Rechte haben. Zum Beispiel sind die kreisfrei oder sind die Teil eines Landkreises und auch zur Zeit des Römischen Reiches gab's unterschiedliche Rechtsformen. Und so 'ne richtige, voll ausgeprägte römische Stadt, die hatte Thermen, die hatte ein Forum und die hatte auch durchaus Stadttore. Allerdings muss man sagen, dieses Stadttor wurde erst später gebaut. Nele Wann es genau gebaut wurde, war lange Zeit gar nicht so klar. Das ist erstaunlich. Dafür, dass es schon so lange Zeit kontinuierlich dasteht in Trier. Am Rande bemerkt, die Stadt hieß Augusta Treverorum. Das ist so 'n bisschen was Merkwürdiges, dass die Forschung da lange Zeit so 'n bisschen rumgeeiert ist, sag ich mal. Also es gab so im 19. Jahrhundert und auch noch im 20. Jahrhundert ziemlich stark abweichende Datierungen für das Tor.
Marcel Ja, und man hatte da eine These, die ist total plausibel und stimmt trotzdem nicht. Also die These war letztendlich, dass dieses Tor im dritten Jahrhundert oder: so um 300, äh, erbaut worden sei und dafür gibt's ganz plausible Gründe. Es war so: Wir haben gehört, Trier wurde schon vor Christi Geburt gegründet, war eine voll ausgeprägte römische Stadt. Man hätte also da schon ein Tor und eine Stadtmauer bauen können, vielleicht Kennen das einige aus dem Mittelalter. Eine Stadt zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass man eine Mauer drumherum gebaut hat und ein Tor. Und das hat man deshalb gemacht, weil man die Städte schützen wollte und das eben besonders schützenswerte Gebiete waren. Nun war es aber so, dass zu dieser Zeit Christi Geburt, erstes, zweites Jahrhundert, das Römische Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht war. Also das Römische Reich war im Grunde ohne Konkurrenz. Und weil es ohne Konkurrenz war, musste man jetzt auch nicht jede Stadt befestigen. Also man konnte da eine große Stadt hinstellen, so wie heute, aber man musste da jetzt keine großen Verteidigungsmauern hinbauen. Nicht Nele mal gegen Horden von germanischen Marcel Stämmen. Nee, genau, weil man konnte ja diese-- Also die Grenze war noch deutlich weiter im Osten.
Also das war: teilweise der Limes, teilweise der Rhein. Da konnte, wurde dann der Limes als Mauer. Der Rhein war auch eine Grenze und die römische Armee war professionell stark. Die war was vollkommen anderes als diese germanischen Stämme, die vielleicht versuchen konnten, zu irgendwelchen Raubzügen aufzubrechen. Und diese germanischen Stämme hatten keinerlei Möglichkeit, in diesem Zeitraum eine Stadt wie Trier wirklich anzugreifen. Das heißt, man hatte also gar keine Notwendigkeit, eine große Mauer oder sogar so ein riesiges Stadttor zu erbauen. Das war dann anders im dritten Jahrhundert nach Christus. Da gab's dann viele Bürgerkriege, viele Probleme, die man an dieser Stelle jetzt nicht alle genau begründen kann.
Und das führte eben auch dazu, dass auswärtige Feinde, in dem Fall germanische Stämme immer häufiger in das Römische Reich einfielen. Und in diesem Zusammenhang machte es natürlich sehr viel Sinn, Städte zu befestigen und mit starken Mauern und Toren zu umgeben. Deshalb dachte man, die Porta Nigra, die, also wenn man vor ihr steht,: wenn man das mal gesehen hat, das ist auch wirklich auch heute noch ein extrem wuchtiges, einschüchterndes Denkmal, dass die in diesem dritten Jahrhundert, in dieser Krisenzeit gebaut worden wäre. Das ist plausibel, aber es stimmt nicht. Nele Es stimmt nicht. Man hat das aber relativ spät erst rausgefunden, nämlich eigentlich erst so im 21. Jahrhundert. Vor ungefähr zehn Jahren gab es dann mal 2017 Untersuchungen an der Stadtmauer, an den Resten der Stadtmauer, die sich ja angeschlossen hat an das Tor. Und da hat man dann noch Bauhölzer analysieren können, die für die Stadtmauer verwendet wurden. Das ist ja die sogenannte Dendrochronologie, also die dann aufgrund der Jahresringe in dem Holz ziemlich genau sagen kann, wann dieser Baum gefällt wurde, in welchem Jahr. Marcel Ganz genau. Und man konnte feststellen, dass diese Bäume ungefähr im Jahr 170 gefällt worden waren.
Und es gibt keinen Zweifel, dass diese Bäume dann auch sehr schnell, wahrscheinlich noch im gleichen Jahr oder: kurz darauf, für die Stadtmauer verwendet wurden und in diesem Zusammenhang auch die Porta Nigra erbaut wurde. Dass beispielsweise große Bauwerke wie Kathedralen teilweise ja über Jahrhunderte gebaut wurden. Also dass man, wenn man so ein großes steinernes Bauwerk entwickeln wollte, dass das unglaublich lange gedauert hat. Das war im Römischen Reich tatsächlich nicht so. Man geht davon aus, dass die Porta Nigra innerhalb ganz weniger Jahre gebaut wurde, vielleicht sogar innerhalb eines einzigen Jahres. Nele Das ist etwas, wonach wir uns heute die Finger schlecken würden. Marcel Absolut. Auch heute sehr, sehr schwierig zu erreichen, ja. Nele Genau. Das ist vielleicht noch mal wichtig zu betonen, die ist eben kein hübscher Triumphbogen einfach nur. Die soll schon die Bedeutung dieser Stadt von Augusta Treverorum zum Ausdruck bringen, aber die ist auch ein militärischer Bau, ein Befestigungsbau.
Marcel Sie ist absolut funktional und wirkmächtig. Also man kann das irgendwie auch daran heute noch sehen. Das ist nicht nur etwas, durch das man hindurchgeht, sondern das hat eben diesen eigentlich, also das, man geht: davon aus, es hatte auch noch ein Fallgitter, beispielsweise. Es hatte einen inneren Zwinger. Das heißt, wenn es Angreifern gelungen wäre, quasi in das Tor einzudringen, dann hätten sie dort in der Falle gesessen, weil man von oben die Angreifer hätte beschießen können und Und, äh, tatsächlich hat, äh, das konnte man an Brandspuren zumindest vermuten, kann man das anhand der Brandspuren, bereits einige Jahre nach dem Bau, und zwar im Jahr 197, eine Bewährungsprobe bestanden. Nele Da kommt es nämlich zu einem Bürgerkrieg. Der spielt sich nicht nur in Trier ab oder in Augusta Treverorum, sondern eigentlich so im gesamten Weströmischen Reich, kann man sagen. Marcel Im Jahr 197 kam es dann zu einer Entscheidung zwischen zwei Anwärtern. Der eine, Septimius Severus, der hat sich durchgesetzt und der andere Clodius Albinus.
Die beiden hatten relativ große, mehrere zehntausende Mann umfassende Streitkräfte, die ihnen folgten. Dieser Clodius Albinus: oder seine Truppen versuchten in dieser Zeit, diese wichtige Stadt Trier unter ihre Kontrolle zu bekommen, die allerdings treu zu Septimius Severus stand. Und, äh, dabei wurde offensichtlich die Stadtmauer und die Porta Nigra angegriffen. Es gibt Brandspuren, die man bis heute feststellen kann. Man vermutet, man weiß es nicht sicher, dass die aus diesem Bürgerkrieg stammen. Es ist tatsächlich so, dass es den Truppen dieses Clodius Albinus nicht gelang, Trier zu erobern, weil Truppen aus Mainz, die Septimius Severus unterstanden, hinzukamen und die Stadt Trier befreiten. Kurz darauf kam es dann zur Schlacht bei Lyon und dort hat Septimius Severus gewonnen und konnte dann die Herrschaft im gesamten Römischen Reich übernehmen. Bonmot: Septimius Severus sagte angeblich auf dem Sterbebett zu seinen beiden Söhnen: „Seid einig, bezahlt die Soldaten gut, kümmert euch nicht um den Rest." Also das war ungefähr so seine Grundhaltung.
Nele Ja, noch mal die, äh, gewonnenen Lebensweisheiten weitergegeben quasi an die: Kinder. Genau, vielleicht auch noch eine Sache, die jetzt gar nicht so stark mit der Porta Nigra selbst in Verbindung steht, aber mit genau dieser Zeit des Bürgerkriegs, als man Angst hatte vor dem Angriff auf Trier, da muss eine reiche Person damals ihr gesamtes Vermögen, nehme ich mal an, vergraben haben. Weil man hat in den 90er Jahren den größten römischen Münzschatz der ganzen Welt gefunden. Also in Trier gibt's einige Superlative sozusagen und es sind zweitausendsechshundertfünfzig Goldmünzen, auch mit riesigem Goldanteil. Das wiegt über achtzehn Kilo. Da sind über achthundert Münzen dabei, die Nero abbilden und, äh, verschiedene andere Kaiser.
Dieser Schatz ist jetzt heute auch noch im Landesmuseum Trier ausgestellt. Also das ist, glaube ich, auch so noch mal seine eigene Reise wert, dass man sich das mal anschauen kann. Und vielleicht noch 'ne weitere Fußnote: 2019 gab's einen ziemlich spektakulären Einbruchsversuch, wo Personen versucht haben, diesen Münzschatz zu stehlen, was Gott sei Dank aber nicht gelungen ist. Aber man sieht, Trier ist unheimlich stark von dieser römischen Geschichte geprägt. Es gibt ja auch noch ganz andere Gebäude, über die wir jetzt heute gar nicht so genau sprechen werden, aber vielleicht können die mal irgendwann in 'ner anderen Folge dann Gegenstand sein. Marcel Ja, Trier war sehr bedeutend zeitweise in der Antike und tatsächlich vor allem im vierten Jahrhundert nach Christus. Nele Genau, das ist dann einige Zeit, äh, nachdem das Tor bereits erbaut ist oder die Porta Nigra erbaut ist. Das steigt dann nämlich zu einer sogenannten Kaiserresidenz auf. Marcel Genau, also vielleicht kennt man Konstantin den Großen, also den römischen Kaiser, der das Christentum tolerierte, also zum ersten Mal dann die Verfolgung von Christen im Römischen Reich beendete.
Und Konstantin hatte tatsächlich seine Residenz sehr lange in Trier, bevor er dann Konstantinopel gründete: beziehungsweise eben Byzanz in Konstantinopel verwandelte. Konstantin war aber nicht der einzige Kaiser. Es gab mehrere Kaiser im vierten Jahrhundert, die ihre Residenz in Trier hatten. Das heißt, Trier war zeitweise, kann man so sagen, die Hauptstadt des Römischen Reiches. Und in dieser Zeit entstanden auch ganz bedeutende Bauwerke, die zum Teil heute auch noch erhalten sind, wie zum Beispiel die sogenannte Konstantinsbasilika. Nele Genau, also noch mal ergänzend: Also Trier war die Hauptstadt der Präfektur Galliens. Man setzt ja jetzt heute Gallien vor allem immer so mit Frankreich gleich innerlich, aber, ähm, das hat Teile Westeuropas umfasst, Spaniens, Nordafrikas. Es ging sogar bis Britannien. Marcel Das kam auch noch dazu. Also das war eine Zeit, in der die Verwaltung des Römischen Reiches neu gegliedert wurde. Eine dieser Verwaltungseinheiten, den Trier vorstand, war auch eine sogenannte Diözese. Also das ist ja ein Begriff, der sich bis heute erhalten hat, weil die katholische Kirche immer noch ihre Gebiete in Diözesen teilweise einteilt.
Das, ja, das ist das Wort für: zwölf. Ja, genau, da wurden verschiedene Provinzen zusammengefasst. Nele Zwölf. Marcel Ja, genau. Vermutlich zwölf. Nele Genau. Und, ähm, ja, und dann so Anfang des fünften Jahrhunderts, äh, geht es dann zu Ende, weil dann doch diese erwähnten germanischen Stämme, die man sich da auch immer vorstellt, so wilde Horden, das wird dann zu 'nem Unsicherheitsfaktor und dann verlegen die das weg aus Marcel dem- Ja, also wilde Horden ist jetzt natürlich ein sehr abwertender Begriff. Also wir müssen da auch immer aufpassen. Also immer wenn wir auf die Geschichte gucken, uns fragen, wer hat die Geschichte geschrieben? Also in dem Fall die Germanen nicht. Deshalb schneiden sie oft auch sehr schlecht ab. Nele Bei Caesar Marcel zum Beispiel. Das muss man, ja, ja, also gut, das ist, das ist sicherlich so, aber es ist so, dass dann im fünften Jahrhundert sich dieses Weströmische Reich nicht halten kann.
Also das Oströmische Reich mit Konstantinopel, dem heutigen Istanbul als Hauptstadt kann sich erhalten. Das Weströmische Reich geht dann im fünften Jahrhundert unter. 476 wird der letzte weströmische Kaiser abgesetzt und auch die letzten Reste der: römischen Herrschaft in Trier und dann eben in diesem Raum, im heutigen Deutschland, im heutigen Frankreich, werden dann beseitigt. Also Trier wird tatsächlich auch in dieser Phase, auch schon vor dem fünften Jahrhundert, mehrfach erobert von verschiedenen germanischen Stämmen. Das heißt also, die Porta Nigra selbst kann Trier nicht vollkommen schützen, aber die Porta Nigra wird auch nicht zerstört. Also das heißt, die E-Eroberer sind vermutlich an anderer Stelle eingedrungen. Nele Ja. Thema Zerstörung: Die Porta Nigra wird dann aus 'nem anderen Grund teilweise demoliert. Das ist dann gar nicht militärischer Art, sondern ein Bauvorhaben. Vielleicht springen wir jetzt doch mal 'n bisschen nach vorne in Richtung Mittelalter. Also für einige Jahrhunderte ist dann diese alte bedeutende römische Stadt, die besteht weiter, hat aber so ihre Bedeutung 'n Stück weit verloren.
Und wir befinden uns jetzt so um das Jahr 1000 herum. Da gibt es einen: Erzbischof mit dem wunderschönen Namen Poppo von Babenberg. Marcel So heißt der wirklich. Nele Genau, der, ähm, Bischof Poppo kommt in die Stadt und wird auch begleitet von einem Mönch namens Simeon. Soweit ich weiß, ist nicht so endgültig geklärt, ob der aus Byzanz ist, aus 'm byzantinischen Raum oder ein griechischer Mönch. Marcel Ich glaub, er ist aus Sizilien. Ich glaub, er ist ein byzantinischer Mönch aus Sizilien. Nele Ah, okay. Simeon, der möchte gern Gott noch näher sein, indem er sich in der Porta Nigra einmauern lässt. Marcel Ganz genau. Also man muss zu diesem Kontext auch sagen, dass, äh, diese römischen Bauwerke nach und nach in dieser Zeit verfallen sind.
Also die Nachfolgestaaten kann man nicht sagen, also die Reiche oder diese Herrschaften, die dann entstehen im Mittelalter, die haben nicht dieses Zivilisationsniveau, das die Römer hatten. Das hat nicht diese Professionalisierung, nicht diese Verwaltungsstruktur. Und das führt dazu, dass diese römischen Bauwerke nach und nach verfallen,: teilweise auch als Steinbruch dienen für andere Baupläne, Bauprojekte, aber zum Teil auch noch, sagen wir mal, als Ruinen da sind. Und die Menschen, die zu dieser Zeit leben, können sich auch überhaupt nicht mehr wirklich vorstellen, dass Menschen das alles einmal selbst gebaut haben. Das ist teilweise außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Teilweise glauben sie, dass es Dämonen gewesen sind, die so ein Bauwerk wie die Porta Nigra errichten konnten. Nele Da befinden wir uns tatsächlich, äh, dann mitten im Mittelalter mit all seinen Aberglauben. Wir haben dann Simeon, der sich einmauern lässt. Und zwar ist das ja ein mehrstöckiger Bau, die Porta Nigra. Also wer sich jetzt immer noch 'n Tor vorstellt, muss sich klarmachen, dass man da innen reingehen kann und dass es Stockwerke auch hat innen drin. Marcel Mhm.
Nele Und er lässt sich dort in eine Klause oder eine Einsiedelei, kann man das dann vielleicht nennen, einmauern. Das wird mit Mörtel verputzt. Da wird nur noch 'n: winziges Fenster gelassen für Licht und Luft und er kriegt dann auch Essen und Trinken. Die Stadtbevölkerung legt das in so 'n kleines Körbchen, das kann er sich dann hochziehen. Marcel Und er hat offensichtlich mehrere Jahre dann da drin gelebt. Nele Vier bis viereinhalb Jahre, genau. Also von 1031 und er ist dann 1035 da drin gestorben und wurde auch dort bestattet. Marcel Das führte dazu, dass Poppo von Babenberg die Heiligsprechung seines Freundes betrieben hat. Und das ist jetzt sozusagen der entscheidende Kniff, der die Porta Nigra bis heute erhält, nämlich was tut? Nele Er lässt dein, eine Kirche da draus machen, ne. Also er, er denkt so, das Tor eignet sich ja bestens, um, äh, das umzumodeln in ein Gotteshaus quasi. Und wenn man heute davor steht, sieht man auch, es gibt ja zwei Türme, Ost- und Westturm und, äh, der Ostturm ist, ich weiß nicht, ob man sagen kann, geschleift, aber also er ist quasi 'n bisschen kürzer gemacht worden.
Ja. Und: an der Seite sieht man auch noch bis heute die Apsis von dieser Kirche, also so 'n halbrunder Anbau, der ist noch erhalten geblieben. Das wird dann jahrhundertelang als Kirche benutzt. Ja. Auch. Vielleicht auch noch mal ganz interessant, da war ja, glaub ich, auch im Kopfkino schon die Rede davon, von diesen Spuren, die man auch heute noch sehen kann. Also wir müssen uns dann vorstellen, Simeon wird als Heiliger verehrt, dann kommen natürlich auch Pilger, die dorthin pilgern, um selbst vielleicht für ihre Gebete, für ihre Probleme irgend 'ne Lösung zu bekommen durch die Wundertaten des Simeon. Und wenn man jetzt heute von Seiten der Stadt, von der Fußgängerzone aus auf diesen Ostturm, diesen kürzeren Turm guckt, muss man 'n bisschen nach oben schauen.
Das ist so in Höhe von ungefähr zwei bis drei Metern. Da sind so Schabmulden, nennen das die Experten. Also es sind so ausgekratzte Stellen im Stein, wo all diese Pilger im Laufe der Zeit diesen weichen Sandstein weggekratzt haben. Und da: hatten die dann natürlich so 'n Staub oder sandartigen Mörtel und, äh, den konnten die dann wiederum Ich weiß nicht, in, in Wasser mischen und trinken oder was auch immer sie sich von dieser Bausubstanz der heiligen Simeonskirche quasi versprochen haben. Aber das ist bis heute noch zu sehen daran, dass das natürlich in der Höhe ist, die wir heute gar nicht mehr erreichen könnten. So, ich glaub, zwei Meter sechzig ist ungefähr, sehen wir, dass das Straßenniveau auch ungefähr 'n Meter höher gewesen sein muss im Mittelalter. Das geht dann eben für so 'n paar Jahrhunderte ganz gut. Die Porta Nigra ist eben auch sehr, sehr dunkel gefärbt, äh, hat ihren Namen dann. Dann kommt wieder jemand aus Gallien, quasi ein, ein kurzer Mann aus Gallien und, äh, macht das Ganze komplett rückgängig. Marcel Genau, Napoleon kommt nämlich vorbei und Trier gehört zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Jahren, wir befinden uns jetzt am Anfang des 19.
Jahrhunderts, zu Frankreich. Also es wurde zu diesem Zeitpunkt erobert, in das, ähm,: revolutionäre Frankreich, äh, integriert. Und Napoleon, der an vielen Orten Kirchen hat umwandeln lassen, also zum Beispiel in Pferdeställe und Lagerhäuser, das, ähm- Nele Ja, das zum Beispiel auch ganz irre, äh, die Kirche, wo das letzte Abendmahl zu sehen ist in Italien. Da ist ja dann so 'n Türrahmen reingeschnitzt, beispielsweise, ne. Marcel Ja, zum Beispiel, weil das eben auch als, ich glaube, Pferdestall verwendet worden ist und als Lagerraum. Das ist insofern, wenn man so will, üblich und Napoleon beschließt, diese Kirche zu entfernen, also quasi die ursprüngliche Porta Nigra wieder herauszuarbeiten. Grund dafür ist jetzt nicht nur sein besonderes Interesse für Denkmalschutz oder vielleicht auch überhaupt nicht, sondern es geht auch darum, ein Symbol zu schaffen für diese gallorömische Tradition, in der er sich auch selber sieht, er selbst zum Kaiser und er stellt sich ja damit auch in diese alte römische Tradition.
Und dadurch, dass: Trier damals eine gallischen römischen Provinz gewesen ist, will er da auch den entsprechenden Bezug dazu herstellen, dass er so ein mächtiges Bauwerk aus dieser Zeit wiederherstellt. Ja, das hat Nele ja eine gute Tradition unter Imperatoren, sag ich mal, ähm, sich da in eine lange historische Reihe zu stellen. Absolut. Die Vergangenheit heraufzubeschwören. Aber er befreit die Porta Nigra wieder von diesem christlichen Mantel, wenn man so möchte, legt sie frei. Dann weiß man ja vielleicht so in etwa, was mit Napoleon als Nächstes passiert ist. Der ist zumindest dann weg vom Fenster. Anfang des 19. Jahrhunderts. Genau, Marcel nach Waterloo, äh, muss er, ja, abdanken und wird ja dann auf einer Atlantikinsel bis zu seinem Tod gefangen gehalten. Trier fällt dann an einen der Sieger dieses Kampfes, nämlich an Preußen. Nele Genau, die finden das aber offensichtlich 'ne gute Idee, was Napoleon gemacht hat. Die führen das nämlich zu Ende dann noch.
Also er war noch nicht ganz fertig geworden mit dieser Wiederherstellung des römischen Bauwerks, aber: das wird unter preußischer Regierung vollendet. Ganz interessant. Dann setzt nämlich auch nach und nach schon so 'ne Art Tourismus ein. Diese römischen Ruinen Fügen sich wunderbar in die Romantik, in diese Zeit der Romantik, wo's ja auch oft um den Rhein geht und vergangene Zeiten, vergangene Reiche. Und da gibt's dann durchaus schon im 19. Jahrhundert, das hat dann auch so 'n bisschen mit der Entwicklung der Transportmöglichkeiten zu tun, ne. Also so, sobald man mit einem funktionierenden Eisenbahnnetz nach Trier reisen kann, sobald's auch Dampfschiffe gibt, also das ist dann auch weniger beschwerlich.
Da entstehen dann schon solche Optionen, dass man dann diese Ruinen begehen kann. Man kann dann auch Porzellanteller kaufen, auf die dann da, äh, diese Ruinen gemalt sind. Da ist es dann durchaus schon 'n ziemlich beliebter Ort: unter nostalgischen Bürgerlichen. Marcel Ja, aber es entspricht auch einem allgemeinen Trend. Also grade auch die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist ja die Zeit, in der man diese ganzen Rheinburgen, wie du ja schon erwähnt hast, wiederentdeckt. Also die sind dann nicht nur irgendwelche Zeugnisse eines vermeintlich finsteren Mittelalters oder die sind keine Steinbrüche mehr, sondern die sind romantische Orte einer fernen und mystischen Vergangenheit und werden dann plötzlich auch nicht mehr eben als Steinbrüche verwendet, sondern die werden dann erhalten und teilweise dann durch den Staat auch aufgekauft und man entwickelt dann auch gezielte Ideen von Denkmalschutz, teilweise auch Ideen, die mit den heutigen Vorstellungen nichts mehr zu tun haben. Also dass man versucht, Dinge nach den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts zu rekonstruieren und so weiter. Aber das ist dann eben, das kommt mit dem gut zusammen, dass man dann diese Porta Nigra wieder in ihrer ursprünglichen Form sehen und erhalten möchte. Nele Trier liegt natürlich auch an der Mosel, möcht ich ergänzen.
Also, ähm, aber Rhein und Mosel werden ja, äh,: gern so 'n bisschen zusammengefasst, ne, so als Weingebiet und dieses romantische Gebiet quasi. Marcel Genau. Ja, ist ein allgemeiner Trend. Also das ist eben jetzt nicht eine Trierer Besonderheit, sondern das ist etwas, was sich an vielen Orten finden lässt. Nele Ja, dann das 19. Jahrhundert ist auch noch gar nicht so weit fortgeschritten als auch, ich sag mal, der bekannteste, berühmteste Sohn der Stadt geboren wird. Marcel Mhm. Nele Der junge Karl Marx lebt für fast 20 Jahre in Trier. Was wenig bekannt ist: Es gibt ja heute noch das Geburtshaus von Marx in Trier. Das befindet sich aber in 'ner andern Straße, als er später gelebt hat. Das Geburtshaus ist da, wo er tatsächlich das Licht der Welt erblickt hat, aber er ist noch als Kleinkind umgezogen in die unmittelbare Nachbarschaft der Porta Nigra. Mhm. Also der hat dann dort gewohnt als Junger, als Teenager auch und konnte aus 'm Fenster quasi diese Porta Nigra sehen. Speaker 3: Mhm. Nele Das ist zumindest ganz interessant.
Es ist natürlich rein spekulativ, ob ihn das so 'n Stück weit geprägt hat. Man: weiß, dass er in seiner Schulzeit sich, was natürlich auch typisch war, viel mit lateinischen Autoren beschäftigt hat. Aber so dieses Grundthema von niedergegangenen Weltreichen, von dem Wandel von Macht Ich mein, dann natürlich auch so die räumliche Nähe zu Frankreich. Da hatte ja dann die Französisch Revolution stattgefunden. Also Marx ist 1818 geboren. Das ist natürlich dann schon so 30 Jahre her, aber trotzdem, dass das alles zusammen zumindest sein Weltbild und auch sein Geschichtsbild geprägt haben könnte. Also die Annahme, dass die Porta Nigra vielleicht in irgendeinem Maße 'n Einfluss hatte auf das Denken des sehr, sehr jungen Karl Marx. Marcel Ja, werden wir natürlich nicht feststellen können. Ist aber eine interessante Vorstellung und jetzt vielleicht auch nicht vollkommen abwegig.
Nele Ja, zumindest ist es, glaub ich, noch bis heute der Grund, dass sehr viele chinesische Touristen auch nach Trier: pilgern. Marcel Ja, ja. Nele Also früher kamen sie für Simeon, die Pilger und, äh, später dann für Marx. Wir haben quasi jetzt so 'n bisschen diese Zeitreise gemacht von der Zeit der Römer bis ins 19. Jahrhundert. Es gab dann 'ne enorme Begeisterung im 19. und auch im 20. Jahrhundert für das Bauwerk. Es wurde dann viel Rekonstruktionen gezeichnet, es gab archäologische Grabungen, da waren wir auch schon drauf eingegangen.
Da hatte dann eben gab's viele Thesen dazu, wann das Tor eigentlich entstanden ist, die dann sehr hin und her gegangen sind. Das war auch noch so Anfang des 20. Jahrhunderts. Dann hat sich das eigentlich immer mehr zu einem Wahrzeichen der Stadt Trier dann entwickelt im Lauf des 20. Jahrhunderts. Und für alle, die jetzt Lust bekommen haben, sich die Porta Nigra mal selbst vor Ort anzuschauen, es lohnt sich, wenn ihr nach Trier fahrt, ihr könnt in die Porta Nigra reingehen und da ist dann 'n zentrales Informationszentrum, wo es 'n sehr: beeindruckendes Modell von der römischen Stadt gibt. Dann kann man sich das auch noch mal besser vorstellen, wie dieses Tor eigentlich in die Stadt damals eingefügt war. Weil wenn man jetzt heute davor steht, kann man sich diese Dimensionen natürlich noch vorstellen. Aber man ist von Straßenverkehr umgeben, man hat Restaurants und Läden vor sich und ist in der modernen Großstadt auch einfach. Und dieses Modell macht's dann einfach viel besser möglich, sich noch mal vorzustellen, welche Rolle diese Porta Nigra mal gespielt hat. Wenn man drin ist, kann man auch noch Überreste von den Kirchenbauten sehen, von einer Orgelempore und von dieser Apsis, von der ich gesprochen hab. Damit kann man sich noch mal besser vor Augen führen, dass dieses Tor nicht einfach seit 170 nach Christus so dort rumsteht, sondern dass es auch Ganz viele verschiedene Phasen durchlebt hat, in denen's verformt wurde und wieder verändert wurde.
Also in dieser Ausstellung gibt's einiges zu sehen, auch: Installationen und digitale Guides. Ihr könnt euch da einfach mal vor Ort informieren. Wir packen euch 'n Link dazu in die Show Notes. Dazu gibt's auch noch Erlebnisführungen in Trier, die man buchen kann. Da gibt's verschiedene Führungen an verschiedenen Punkten der Stadt, weil's ja noch mehr römische Bauten auch gibt. Aber es gibt auch zur Porta Nigra speziell 'ne Führung, nämlich das Geheimnis der Porta Nigra, wo ein Schauspieler als Centurio die Gruppe mitnimmt und euch dann mehr erzählt über das Leben als römischer Militär und wie es war, die Stadt von der Porta Nigra aus zu verteidigen. Dann zu guter Letzt würd ich euch auch noch einen Besuch in diesem Landesmuseum empfehlen, im Rheinischen Landesmuseum, um euch diesen spektakulären Goldmünzenschatz mal genauer anzuschauen.
Genau, dann kommen wir jetzt langsam mal zum Schluss der heutigen Folge. Da frag ich dich wie immer, Marcel, was hast du dir denn mitgenommen oder was ist für: dich so die wichtigste Erkenntnis eigentlich? Marcel Ja, was für ein Faszinosum das ist, dass dieses Tor so wahnsinnig gut erhalten geblieben ist, weil man es für viele Jahrhunderte lang in eine Kirche verwandelt hat. Also weil das ja überhaupt nichts Naheliegendes im Grunde ist. Also dass man im 11. Jahrhundert sagt, man baut jetzt mal ein römisches Stadttor in eine Kirche um und dadurch erhält sich dieses Stadttor und nach fast 800 Jahren wird die Kirche wieder entfernt und dann steht immer noch dieses Stadttor da. Also ist schon eine im Grunde ein bisschen verrückte Geschichte. Nele Ja, das stimmt. Also es war sicher nie die Intention, ähm, von Poppo, diese römische Architektur zu bewahren unbedingt, aber das hat er geschafft und da können wir ihm für dankbar sein. Marcel Absolut.
Nele Wir freuen uns, wenn euch die heutige Folge gefallen hat und natürlich auch, wenn ihr uns 'ne gute Bewertung dalasst, wenn ihr den Podcast abonniert, wenn ihr Freunden und Familie von dem Podcast: erzählt, dann sind wir in zwei Wochen wieder da mit einer neuen Folge und freuen uns, wenn ihr wieder einschaltet.
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