Folge 8 - Mehr Stein als Sein

Shownotes

⚠️ Spoiler: Der Ort dieser Folge ist…

Die Moschee im Schloßpark Schwetzingen.

Literatur Carl Fuchs, Claus Reisinger: Schloss und Garten zu Schwetzingen (2008) Links zur FolgeBesucherinformationen Aufnahmen des Innenraums Cover Art: Boh Design Kopfkino-Sprecher: Piet Gampert **Schnitt: **Alperen Aras

Transkript anzeigen

00:00:00:

00:00:04: Herzlich willkommen bei Hier und Ort, wo Geschichte zu Hause ist.

00:00:08: Ich bin Nele...

00:00:09: ...ich bin Marcel!

00:00:10: Und in diesem Podcast nehmen wir euch mit an Orte die mehr erzählen als man denken würde.

00:00:15: Diese

00:00:16: Woche sind wir an einem Ort der vorgibt etwas zu sein was ähnlich ist.

00:00:20: Doch bevor es jetzt gleich mit der heutigen Folge losgeht kommt erst einmal zur Einstimmung das Kopfkino.

00:00:27: Breite Kieswege führen durch einen großen Schlossgarten.

00:00:31: Alte Bäume spannen ihre Kronen über Dazwischen tauchen kleine Bauwerke auf.

00:00:37: Antike Tempel, Pavillons, künstliche Ruinen.

00:00:40: Mitten in einer Allee öffnet sich plötzlich ein großer Hof Ein Rechteck aus Rasen umgeben von Arkadengängen und

00:00:47: kleinen

00:00:47: Kuppel-Pavillons.

00:00:49: Dahinter steht ein Gebäude das hier völlig unerwartet wirkt Eine Moschee.

00:00:55: Die Sandsteinfassade leuchtet im zartem Rosa Darüber eine dunkle Kuppe, daneben zwei schlanke Minarete.

00:01:03: Bögen und arabische Schriftzüge ziehen sich über Mauern- und Akkaden.

00:01:08: Was das mit einem Glücksschwein, Lessing und Europas Blick auf den Orient zu tun hat – Das erfahrt ihr in der heutigen Folge!

00:01:17: Ja Marcel wir lösen direkt mal auf.

00:01:20: Wir befinden uns im Schlossgarten Schwetzing.

00:01:24: Genau,

00:01:25: Schwetzingen ist heute eine kleine Stadt zwischen Mannheim und Heidelberg.

00:01:30: Und war mal die Sommerresidenz der Pfälzischen Kurfürsten!

00:01:34: Genau, wir haben es hier mit einer riesigen Moschee-Anlage zu Tuni da plötzlich in diesem Schlossgarten zu sehen ist.

00:01:43: Und ja das erstaunt erst mal vor allem wenn man hört dass die vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts stammt.

00:01:49: Es gab natürlich damals keine muslimische Gemeinde in dieser Gegend.

00:01:53: Nee

00:01:53: so viel Toleranz gab's damals auf gar keinen Fall.

00:01:56: Wir haben uns diesen Ort ausgesucht weil die Mosche im Schlossgartenschwetzing heute noch was ganz Besonderes ist, nämlich sie gehört in den Bereich der Gartenarchitektur zu den sogenannten Follies.

00:02:10: Also das sind solche Gebäude die so in der Gartenkunst des achtzehnten Jahrhunderts vor allem der Dekoration dienten und den Zweck hatten bestimmte Ideen zu transportieren oder bestimmte Moden zu spiegeln.

00:02:23: also dazu gehören zum Beispiel auch chinesische Pagoden oder Ruinen.

00:02:32: Römische

00:02:32: Tempel, die aber auch extra als verfallene Tempel gebaut wurden um einen gewissen Charme- oder Eindruck zu erwähnen.

00:02:40: Röhmische Tempel, künstliche Grotten

00:02:42: z.B.,

00:02:44: kleine Einsiedeleien wo dann in Englern wurde jemand angeheuert der ein Einsiedler darstellen sollte und so weiter.

00:02:52: ich glaube in Deutschland wird es nicht ganz so weit getrieben.

00:02:55: Also zum Beispiel, ich glaube in Hohenheim hat der Herzog von Württemberg so eine Art Modelldorf entwickelt.

00:03:02: Und damit das Ganze besonders idyllisch ländlich war gab es da Kompasen also Schauspieler.

00:03:07: die haben dann auch friedliche Bauern und Dorfbewohner gespielt einfach um für mehr Stimmung zu sein.

00:03:13: Ich hoffe dass sie gut bezahlt wurden!

00:03:17: Auf jeden Fall gehört diese Moschee auch in die Reihe dieser Follies und ist die heute weitgehend in Europa einzig erhalten, ihre Art.

00:03:28: Das gibt wohl noch in Polen so ein Gebäude das jetzt aber erst so vor Kürzerem wiederentdeckt wurde.

00:03:34: für lange Zeit galtschwetzing als es einzige überlebende Exemplar einer solchen dekorativen Moschee.

00:03:42: Ja, wobei – aber darauf können wir später noch eingehen!

00:03:45: Es ging hierbei nicht nur um etwas Dekorative sondern da steckte noch ein bisschen mehr dahinter?

00:03:51: Genau.

00:03:52: Aber bevor wir uns jetzt wirklich mit dem Gebäude und der Moschee selber näher beschäftigen, wie sie aussieht, wie Sie konstruiert ist, wer sie entworfen hat

00:04:01: usw.,

00:04:02: was die Bestandteile sind würde ich sagen dass wir nochmal ein bisschen Schritt zurücktreten und uns die Zeit anschauen in der sie entsteht und auch so ein bisschen den geschichtlichen politischen Kontext indem dieses Bauwerk entsteht.

00:04:15: Ja genau, also zu dieser Zeit war Karl Theodor von der Pfalz.

00:04:20: Der Herrscher oder Kurfürst dieser Region – die Pfalze war eine deutsche Herrschaft am Rhein und gehörte zu den wichtigeren oder traditionell eben wichtigeren Ländern im heiligen römischen Reich deutscher Nation.

00:04:35: Dieser Karl-Theodor kam ein bisschen könnte man sagen unverhofft in diese Position, dass er Kurfürst wurde, denn er war gar nicht der Sohn eines Kurfürstes.

00:04:45: Sondern war in einer kleinen und unbedeutenden Nebenlinie geboren worden.

00:04:52: Aber der vorherige Kurfürste starb ohne Kinder.

00:04:55: Es musste eben der nächste Verwandte gesucht werden.

00:04:58: Und das war dann tatsächlich eher... ...und so wurde er im jungen Jahr Kurfürs von der Pfalz und blieb das für viele

00:05:06: Jahrzehnte.".

00:05:07: Ja

00:05:07: ich finde, der ist eine ziemlich spannende Figur!

00:05:09: Ich habe auch ein bisschen was über ihn... gelesen.

00:05:11: Also was ihn auf jeden Fall auszeichnet ist, dass er als Herrscher nicht besonders viel militärische Ambitionen

00:05:20: hatte?

00:05:20: Er hat sich für Politik generell nicht so interessiert kann man sagen.

00:05:23: Genau also er ist mehr ein schönen Geist kann man vielleicht sagen.

00:05:27: seine Bibliothek soll hunderttausend Bände umfasst haben.

00:05:31: das ist schon sehr beeindruckend und ein Förderer der Künste.

00:05:35: Hat sich selbst als Apollo gesehen also durchaus auch mit einem gewissen Selbstbewusstsein ausgestattet.

00:05:41: Aber das hat eben ... Da

00:05:42: möchte ich kurz ergänzen, Apollo Palatinos.

00:05:44: Also der felsische

00:05:46: Sonnengott?

00:05:46: Ja

00:05:47: genau!

00:05:47: Der Sonnengeot der Pfals.

00:05:48: Richtig ja.

00:05:49: aber es hat eben auch dazu geführt dass er eben viele Künstler Freigeister angezogen hat.

00:05:54: also er hat mit Voltaire ein ja im Grunde vielleicht der wichtigsten Figur der Aufklärung ganz wichtiger französischer Philosoph nicht nur korrespondiert sondern eben auch oft gesprochen hat ihn empfangen am Hof.

00:06:06: Mozart war in Mannheim an seinem Hof beispielsweise zwischendrin.

00:06:11: Er ist auch Französisch.

00:06:13: Seine erste Sprache hat Deutsch wohl erst so im Alter von sechs Jahren gelernt.

00:06:16: Was in dieser Zeit nicht ungewöhnlich ist, weil Deutsch galt eher als die Sprache der einfachen Leute war.

00:06:23: das Fürsten also auf.

00:06:24: zum Beispiel Friedrich II.

00:06:25: von Preußen hat im Wesentlichen ja französisch gesprochen und das war in diesen Kreisen durchaus gängig.

00:06:33: War es noch heute auf seine Bedeutung oder die Bedeitung seines Hofes hindeutet?

00:06:39: ist ja die Größe des Schlosses in Mannheim.

00:06:42: Das ist ein riesiger Bau und tatsächlich das zweitgrößte Barock-Schloss nach Versailles, in Europa.

00:06:49: Glaubt man nicht aber ist so?

00:06:50: Ja!

00:06:51: Und Mannheim galt lange als die schönste Stadt Deutschlands.

00:06:55: Das war vor dem Krieg.

00:06:57: Aber trotzdem auf jeden Fall natürlich auch vor der Industrialisierung.

00:07:01: Aber es ist eben auch wenn man heute in Schwetzingen ist gar nicht so leicht sich vorzustellen.

00:07:07: also vielleicht schon wenn man in einem Garten.

00:07:08: Aber heute ist es ja eine ganz dicht besiedelte Gegend, auch durchzogen von ganz vielen Straßen und so weiter.

00:07:14: Und damals war das eben auch eine sehr ländliche Idylle in der dieses Schloss errichtet oder dann eben auch... Also es gab's schon länger als Jagdschloss aber dann auch entsprechend so umgebaut wurde, wie es heute noch aussieht?

00:07:26: Genau.

00:07:26: Das fällt jetzt heute wirklich schwer.

00:07:28: aber wenn man so ein bisschen versucht seine Fantasie zu nutzen dann führte mal eine breite Allee direkt von Heidelberg der alten Residenzstadt bis nach Schwedzingen oder bis zum Schloss gesäumt von Maulbärbäumen und ja da konnte man in einer Kutsche entlang gondeln oder sogar in einigen Stunden zu Fuß die Distanz überwinden.

00:07:49: also das muss ganz ganz anders ausgesehen haben als heute absolut.

00:07:55: Karl Theodor war von Hause aus katholisch, aber er herrschte über ein Land in dem die meisten Menschen protestanten waren und er hat sich in seinem Leben auch zunehmend aufklärrischen Ideen geöffnet.

00:08:06: eben deshalb ja auch Kontakte zu Aufklärern wie Voltaire und anderen und dieses besondere Interesse an Wissenschaft und Künsten.

00:08:14: und es zeigt sich auch in seinem eigenen Programm also dass er eben an diesem Schloss und Schlossgarten schwätzingen auch eben ungewöhnlichen Bauten wie dieser Moschee, auf die wir noch zu sprechen kommen werden.

00:08:29: Großen Wert gelegt hat und bereit gewesen ist dafür auch relativ viel Geld auszugeben.

00:08:34: Das fand ich auch eine ganz schöne Formulierung.

00:08:37: Friedrich der Große, der alte Fritz von Preußen hat den Karl Theodor mal als faulen Kerl und Glücksschwein bezeichnet.

00:08:47: Damit hat er eben gemeint das der mehr zusammengeabt hat als Friedrich Der Große selbst je erobert hat.

00:08:54: Ja da steckt ein gewisser Neid dahinter.

00:08:57: Und ja, tatsächlich war es so dass Karl Theodor auch in fortgeschrittenem Alter dann oder war er dann glaube ich schon über fünfzig Jahre alt.

00:09:04: Siebzehnundsieben und siebzig relativ unverhofft nachdem er ja schon unver hofft Kurfürst der Pfalz gewesen war Auch noch Bayern geerbt hat weil der damalige bayerische Herzhof Max III Josef verstarb auch keine Kinder hatte und eher da schon wieder der nächste Verwandte gewesen ist Und er war davon aber gar nicht begeistert.

00:09:25: Ja,

00:09:25: irre ne?

00:09:25: Die meisten würden sich vielleicht freuen Bayern zu erben und

00:09:28: ... Nee von der Blöd!

00:09:30: Er musste dann aufgrund dieses App Vertrages seine Residenz nach München verlegen wo er nur kleine Randnotiz im Übrigen auch für den Englischen Garten verantwortlich war.

00:09:42: also er hat den englischen garten Anliegen lassen und er wurde ungefähr zeitgleich mit Schwätzingen auch eingeweiht.

00:09:50: ja und er war.

00:09:51: Also es war auch eine, sagen wir mal gegenseitige Abneigung.

00:09:54: Er und Bayern – also nicht nur er wollte eigentlich nicht nach Bayern.

00:09:58: Die Bayern oder viele Bayern mochten ihn auch nicht und ich glaube erst bis in die Gegenwart so mit in der Erinnerung der unbeliebteste bayerische Herrscher wenn man das so sagen kann jedenfalls aus dieser Zeit weil er Bayern mehrfach loswerden wollte.

00:10:11: Also er hat mehrfach überlegt Bayern wieder einzutauschen und den Habsburgern zu übertragen.

00:10:17: Das würde Bayern heute vielleicht so Österreich gehören?

00:10:19: Ja!

00:10:20: Genau, aber das hat tatsächlich wieder Friedrich II.

00:10:23: verhindert denn er wollte nicht dass die Habsburger mit denen er verfeindet war noch stärker würden.

00:10:28: wenn er sich nicht so entschlossen dagegen gewährt hätte dann wäre ja in die Sachen vielleicht ganz anders gekommen.

00:10:33: also ist dem Glücksschwein in die Parade gefahren kann man sozusagen Ja gut, Carl Theodor steht in engem Austausch mit Philosophen und Literaten seiner Zeit.

00:10:45: Die Aufklärung ist ja auch eine Zeit in der Ideenaufkommen von... religiöser Toleranz auch.

00:10:53: Es gibt dann solche Bewegungen wie den Deismus, also der hat jetzt mit dem Theismus, mit TH gemeint das der Deismus und die beide davon ausgehen dass Gott existiert im Gegensatz natürlich zum Artheismus.

00:11:09: aber der Deismus hat eher die Vorstellung dass Gott die Welt einmal geschaffen hat aber er sich danach nicht mehr so stark eingemischt hat.

00:11:17: da gibt es immer so ein Argument wenn man davon ausgeht, dass Gott sich später noch... einmischen muss in der Welt, dann hat er sie nicht so perfekt geschaffen wie man von so einem vollkommen Wesen quasi erwarten müsste.

00:11:29: Also da wird es dann sehr theologisch in den Feinheiten.

00:11:32: aber der Diismus sagt dann quasi auch das ist gar nicht unbedingt jetzt auf eine Offenbarung ankommt oder dass es auch nicht unbedingt Wunder gibt oder braucht sondern man kann auch an Gott glauben ohne dass man ständig fürchten muss, dass er sich in irgendeiner Form ins eigene Leben einmischt.

00:11:53: Solche Ideen sind dann schon mal eine ganz gute Grundlage dafür, dass man auch anderen Religionen die vielleicht einen anderen Namen haben für Gott oder ihn anders anbeten, das man denen schon mal anders begegnen kann als wenn man so ganz stark auf seinem Standpunkt behaart und sagt Das muss auf eine bestimmte Weise gemacht werden, damit Gott uns gewogen ist oder keine Rache nimmt.

00:12:19: Ja also in der Aufklärung geht es eben viel darum sich stärker an Vernunft zu orientieren.

00:12:25: und mit dieser Vernunft Orientierung geht auch ein gemeinhin eine starke Kirchenkritik einher.

00:12:32: das bedeutet jetzt nicht eine Kritik im Sinne des Atheismus üblicherweise also dass man gott generell ablehnt oder Religion generell alehnt aber dass man eben viele ja Ausformungen oder sagen wir mal auch politische Macht oder politisch gesellschaftlichen Einfluss, der mit der Kirche einhergeht, kritisiert wird und abgelehnt wird.

00:12:54: Ja das sind Entwicklungen die zumindest in also vor allem in der zweiten Hälfte des achzehnten Jahrhunderts stark zunehmen und an der sich dann eben Herrscher wie Carl Theodor aber auch der Wente Friedrich von Preußen durchaus orientieren.

00:13:07: Wir haben da in der Zeit eben auch Schriften wie die von Gotthold Efraim Lessing, ein ganz bekanntes Stück.

00:13:15: Von ihm ist ja beispielsweise auch Nathan der Weise – ich denke wir mussten das alle mal in der Schule lesen

00:13:20: vielleicht?

00:13:20: Modernerfach!

00:13:22: Genau.

00:13:23: Da gibt es ja auch diese berühmte Ringparabel, die im Grunde besagt hat, dass diese drei monotheistischen Religionen des Judentum-, des Christentum- und Islam alle gleichwertig sind und dass Gott keinen Liebling unter diesen Religionen hat, also wenn man es jetzt sehr stark runterbricht.

00:13:40: Aber dennoch kommt da ja so eine Sichtweise zum Ausdruck... die den nicht christlichen Religionen mehr wert zubelegt, als es für Jahrhunderte oder Jahrtausende der Fall war.

00:13:52: Genau!

00:13:53: Also das ist so ein Grundkonzept, dass sich eben ja also zum Beispiel bei Lessing eben ausdrückt.

00:13:59: Es gibt eben diese aufklärischen Ansätze – nicht nur im Christentum sondern auch im Judentum.

00:14:04: Moses Mendelssohn ist eine ganz wichtige Figuren im Zusammenhang, wohl auch ein Vorbild für Lessings Nathan den Weisen.

00:14:12: Ein jüdischer Philosoph der eben auch versucht hat in Judentum eine Aufklärung herbeizuführen.

00:14:19: Das ist so der Zeitgeist, der das Ganze prägt.

00:14:22: man darf es aber natürlich jetzt nicht einzeln eins setzen mit dem was die Menschen insgesamt zu dieser Zeit alle auch gedacht haben.

00:14:31: also wenn man sich zum Beispiel diesen Trend mit diesen Moscheen anschaut, also dass tatsächlich Moscheien gebaut worden sind.

00:14:40: Dann ist das insofern auch als Mode erklärbar weil die Türken sozusagen als eine große Bedrohung auch immer angesehen wurden.

00:14:50: Waren speziell in der frühen Neuzeit, also sechzeitereinachtzig.

00:14:54: beispielsweise haben osmanische Truppen türkische Truppe ja Erwin belagert und drohten damit so eine ganz zentrale Stadt des heiligen römischen Reiches oder ein europäisch-christliche Stadt zu erobern.

00:15:07: Das wurde als enorme Bedrohung empfunden, die Auseinandersetzung mit den Türken auch als Glaubensfeind im christlichen Sinne hat eben die Geschichte der mittel- und westeuropäischen Länder stark mitgeprägt.

00:15:21: Und zu dieser Zeit über die wir hier sprechen Ende des achtzehn Jahrhunderts

00:15:25: Ist das osmanische Reich weniger bedrohlich?

00:15:27: Ja,

00:15:28: genau.

00:15:28: Also der Stern beginnt zu sinken die Macht hat ihn nur nachgelassen.

00:15:32: Das Osmanische Reich gilt eben jetzt nicht mehr als unglaubliche Bedrohung sondern eher als ein rückständiger niedergehender Staat.

00:15:40: und insofern gibt es dann so Gegenbild dann so eine Art Türkenmode, also dass man jetzt die Türkei vor allem oder das türkische Reich eben nicht mehr als so eine große Bedrohung ansieht sondern sich dafür auch interessiert und dann gewisse Moden nachahmt.

00:15:58: darstellt, das gilt nicht nur für die Architektur sondern auch für die Kunst.

00:16:03: Also es beispielsweise die Entführung aus dem Serie von Mozart ist ja wahrscheinlich so die berühmteste Oper, die sich auch jetzt mit so einem osmanischen Thema auseinandersetzt.

00:16:14: Genau, apropos Mozart du hast es ja schon kurz erwähnt der junge Wolfgang Amadeus wäre auch gern Hofmusiker in Mannheim geworden aber Carl Theodor hat ihn abgelehnt.

00:16:27: Ich glaube man im Nachhinein gar nicht, aber ja...

00:16:30: Genau!

00:16:31: Aber das steht alles in diesem Kontext dieser Türken-Mode.

00:16:34: vielleicht muss man auch noch mal erwähnen dass das Türken wird ja in dem Zeitraum ziemlich allumfassend so als eine Art Umbrella-Term für Menschen aus Islamisch geprägten Raum verwendet.

00:16:48: Ja, das Osmanische Reich ist ja ein viel Völkerstaat in dem sehr viele unterschiedliche Nationen auch Religionen leben.

00:16:56: also tatsächlich ist es ja möglich gewesen im osmanischen Reich oder in der islamischen Welt für religiöse Minderheiten weiterzuleben und zu existieren.

00:17:05: die waren natürlich nicht gleichberechtigt aber sie konnten dort leben.

00:17:08: das war im christlichen Kontext Undenkbar.

00:17:11: Also Juden wurden mehr oder minder toleriert, da gab es ja auch zahlreiche Verfolgungen aber islamische Minderheiten im christlichen Europa gab es nicht.

00:17:20: also das war und denkbar.

00:17:21: Dann haben wir jetzt so ein bisschen den Kontext.

00:17:24: Also, wir haben diese aufklärerischen Ideale die auch mit religiöser Toleranz einhergehen.

00:17:29: Wir haben aber auch dieses Ästhetisierende wo Formen und die Aesthetik von Gebäuden, von Kleidung von verschiedenen Gegenständen aus dieser islamischen Welt auch on vogue sind.

00:17:45: Und das beides kommt zusammen sodass in Schwetzing dann ein Architekt namens Nicola de Pigage, den Auftrag erhält eine Moschee zu errichten.

00:17:58: Genau, Nicola De Pigage ist der langjährige Gartenbaudirektor in Schwetzingen für viele Jahrzehnte.

00:18:05: Ist er da zuständig und hält diesen Auftrag im Rahmen dieser gesamten Gartengestaltung?

00:18:13: Vielleicht sollte man am Rande noch mal erwähnen dass sehr selbst die eben ich sage das in meinen Anführungszeichen im Orient war Und

00:18:20: er hat auch nie eine Moschee gesehen und das merkt man dieser Moschee natürlich auch an.

00:18:26: Also, er hat Bücher studiert.

00:18:27: Er hat sich Abbildungen in Büchern angeguckt aber er war jetzt nie vor Ort um es zu studieren.

00:18:34: und wenn man die Moscheesicht genauer anschaut... dann vereint die auch verschiedene Architektur-Style miteinander.

00:18:41: Also, die Kuppel in der Mitte des Gebäudes hat durchaus was Barokkes eigentlich.

00:18:47: Es gibt klassizistische Elemente also es gibt immer so Waage diese orientalisierenden Elemente.

00:18:56: das wird unter anderem sehr stark unterstrichen durch die arabischen Schriftzüge von denen im Kopfkino die Rede war.

00:19:03: Das ist noch heute eben mit so goldenen Schriftzeichen dort aufgemalt und ganz interessanterweise, das sind keine Suren aus dem Koran.

00:19:12: Das sind eher so Sinnsprüche-und-Sentenzen relativ allgemeine Natur.

00:19:17: Ja und sie sind leider falsch.

00:19:19: also gerade die arabischen Schriftzeichen wurden durch den zuständigen Steinmetz in den meisten Fällen falsch abgezeichnet?

00:19:27: Ja genau!

00:19:27: Das zeigt natürlich auch schon dass da jetzt nicht ein tiefergehendes Wissen für diese Kultur vorhanden war.

00:19:34: wenn man sich noch mal Versucht diese Anlage vor Augen zu führen, vielleicht ist es nochmal ganz interessant.

00:19:40: Weil man vom Garten her erst durch ein Tor tritt und dann in eine sehr weitläufige Außenanlage einen Hof guckt der von Säulengängen umgeben ist Und wiederum die Schausseite des Gebäudes also die repräsentative Seite Der Moschee ist auf der anderen Seite Die sieht man gar nicht wenn man da drauf zugeht.

00:20:01: Das ist vielleicht so ein bisschen komisch auf den ersten Blick Aber wenn man so in diesen Hof kommt, dann war das eigentlich so gedacht, dass man eine andere Welt betritt.

00:20:09: Dass man ein bisschen in so einer Atmosphäre der Stille eintaucht.

00:20:13: Da sind natürlich auch Anklänge von mittelalterlichen Klöstern da mit diesem... Ja es ist auch ein

00:20:17: Kreuzgang.

00:20:18: also ich glaube, dass Pigage selber von Derwisch Gängen gesprochen hat aber im Grunde ja einen Kreuzgang hätte natürlich in einer Moschee auch nichts zu suchen gehabt und andere relevante auch Ingestaltung einer Moschee fehlen.

00:20:34: unklar, ob da jemals eigentlich was vorgesehen war für die Innengestaltung.

00:20:38: Also es bräuchte ja eigentlich eine nach Mecca gerichtete Gebetsnische oder auch eine Redekanzel und das ist irgendwie wohl beides nicht vorhanden und nicht ganz klar, ob das jemal geplant war.

00:20:53: Man muss an der Stelle natürlich sagen dass darin nicht nur Ignoranz und Inkompetenz steckt sondern das war schon durchaus auch Teil des Konzepts.

00:21:02: also Pigage hat sich auf den Bau unter anderem nicht nur der Moschee, sondern auch das Gartens vorbereitet in dem er nach London gefahren ist.

00:21:11: Q Gardens ganz wichtige Garten in London gestaltet von William Chambers, der zu dieser Zeit maßgeblich oder führend gewesen Gärten, die diese künstlichen Follies errichtet hat.

00:21:29: Und das ist ja auch in Schwätzing so.

00:21:30: es gibt ja nicht nur die Moschee sondern es gibt auch da einen ja im Grunde faken römischen Tempel und ein andere Bauten die an also scheinbar Ruinen darstellen und aus ganz unterschiedlichen historischen Zusammenhängen standen.

00:21:46: Natürlich war den Menschen klar dass das jetzt nicht genau so ausgesehen hat und dass sie nicht in diesem Kontext so vorkommen.

00:21:52: aber eben darum, eine bestimmte... ein bestimmtes Gefühl hervorzurufen.

00:21:56: Eine bestimmte Stimmung auch zu erzeugen und nicht unbedingt ein historisch korrektes Abbild!

00:22:02: zu erschaffen.

00:22:03: Also das ist sicherlich so, dass es war für alle diese Follies-Videos genannt hast – egal ob es sich jetzt um diese Gartenmoscheen handelt oder um andere Konstrukte?

00:22:14: Ja vielleicht nochmal ganz interessant zu erwähnen wenn man sich die Bauzeit anguckt!

00:22:19: Die Moschee beginnt in den letzten Jahren.

00:22:23: Das ist zwei Jahre nach seiner ungeliebten fatalen Erbschaft Bayerns.

00:22:29: also er war schon in München und Er hat trotzdem dafür gesorgt, dass in seinem geliebten Schlossgarten Schwätzingen diese Moschee entstehen soll.

00:22:39: Und es dauert ja auch eine gewisse Zeit also siebzehn neun und siebzig beginnt's aber wirklich fertig ist es erst siebzen fünfundneinzig als das schon fast zwanzig Jahre Bauzeit.

00:22:49: Ja und es gab erheblichen Geldmangel.

00:22:50: also Bayern war jetzt zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht reich.

00:22:53: Also die hatten enorme Schuldenprobleme und trotzdem wars Karl Theodor wichtig dieses Projekt vorzuführen.

00:23:00: Also war auch sicherlich eine Herzensangelegenheit und das hat vielleicht eben auch was damit zu tun, dass es mehr gewesen ist als eben nur so ein dekoratives Gebäude.

00:23:11: Und tatsächlich muss man sagen, das ist vielleicht auch das besonders Interessante an dieser Schwetzinge Moschee, dass sie sich nochmal unterscheidet von anderen ähnlichen Bauten die es zu dieser Zeit gegeben hat also die anderen Moscheen Also vorgeblichen Moscheen, die in dieser Zeit errichtet wurden.

00:23:31: Beispielsweise hat auch der Herzog von Württemberg in Hohenheim sich ein Gebäude errichten lassen, dass wir eine Moschee außerwurden nach kurzer Zeit wieder abgerissen.

00:23:41: Auch in Q Garden wo William Chambers so eine Moschee errichtete wurde sie wieder ab gerissen weil ja die Mode darüber hin weggegangen war und man das dann doch irgendwie unpassend oder unschön fand.

00:23:52: Aber was all diese anderen Moscheen miteinander vereint ist, dass sie nur wie Moschein aussahen aber eigentlich einen anderen Zweck verfolgen.

00:24:01: also zum Beispiel bei diesem Württembergischen Beispiel es war so eine Versahnenzuchtanstalt und die eben diese Form einer Moschee bekommen hat.

00:24:09: In Schwetzingen hat dieses Gebäude keinen anderen Zweck.

00:24:13: Also das verschleiert nicht irgendein Anderen Zweck oder eine andere Haltung, sondern es ist tatsächlich einfach ein für sich stehendes Gebäude, dass wie eine Moschee aussieht und das ist etwas was Zeitgenossen auch verstört und irritiert hat.

00:24:29: Also Schiller fand das beispielsweise auch komisch und man hat einfach nicht verstanden warum man quasi da eine Art islamisches Gebetshaus ein Islamisches Gottes Haus dahin stellt.

00:24:39: Auch wenn wir heute sagen naja aber das entspricht ja gar nicht den richtigen Vorgaben einer Moschie.

00:24:44: aber es sollte eben schon für etwas ganz Besonderes stehen?

00:24:48: Ja, du hast ja auch vorhin mal kurz erwähnt.

00:24:50: Das Geld war knapp und dann war wohl kurzzeitig mal in Frage gestanden ob diese schlanken Minarette überhaupt noch errichtet werden sollen.

00:24:58: aber da hat der Architekt Nikolade Pigage dann eben entschieden Einspruch eingelegt und gesagt ohne die Minarette ist es hier alles nichts!

00:25:06: Dann hat das seinen kompletten Zweck verfehlt.

00:25:08: Es war schon wichtig dass das auch so in den Einzelheiten schon zumindest äußerlich die Form hat von einer richtigen Moschee.

00:25:18: Ja, also oder vielleicht weniger eine richtige Moschée als dass sie eben wesentliche Elemente einer Mosché aufgreifen sollte.

00:25:25: denn es ist kein Zufall was du eben vorhin auch gesagt hast das diese arabischen Inschriften nicht wirklich Koransuren darstellen oder eingeschränkt darstellen.

00:25:36: Also beispielsweise ist auf dieser Moschede der Satz abgebildet Es gibt nur einen Gott Und das ist ja der Anfang des islamischen Glaubensbekenntnisses und eigentlich müsste danach noch folgen.

00:25:47: Und Mohammed ist sein Prophet, das steht da nicht!

00:25:50: Das hat man mit Absicht weggelassen.

00:25:52: also es geht nicht darum quasi ein islamisches Gotteshaus realistisch zu reproduzieren sondern es geht darum Elemente aufzugreifen die am Ende dieses Haus als eine Art, ja man könnte sagen Tempel der Weisheit darstellen.

00:26:06: Also es ist vielleicht eher orientiert an dem was eben auch bei Lessing und Nathan der Weise auftaucht also dass man eben nicht jetzt eine bestimmte Religion herausgreift oder die korrekt darstellen will sondern das man darauf hindeuten will dass Weisheiz sich in ganz unterschiedlichen Formen äußern kann und dass es sich eben auch in diesem islamischen Gotteshaus zeigen kann ohne dass man aber jetzt speziell Islam.

00:26:32: dadurch realistisch abbilden.

00:26:34: Ne, genau!

00:26:34: Also das sind eher allgemeine Weisheiten zu tugend moralischen Verhaltenethik also Dinge die man sich auf den Kissen sticken kann wenn man möchte zum Beispiel.

00:26:45: Es ist trotzdem dann vielleicht nochmal ganz interessant zu erwähnen dass diese Fake Moschee kurzzeitig tatsächlich mal als Moschey genutzt wurde und zwar nach dem deutsch-französischen Krieg gab es Soldaten aus Nordafrika, die's bis nach Schwetsingen verschlagen hat und ja, die dort ihren muslimischen Glauben ausgelebt haben.

00:27:10: Genau das waren kriegsgefangene französische Soldaten, die aber nicht aus Frankreich sondern eben aus dem damals zu Frankreich gehörenden Kolonialgebiet im Norden Afrikas kamen und diese haben diese Moschee tatsächlich kurzzeitig als Gebetshaus genutzt.

00:27:26: Ein bisschen weniger ehrfurchtsvolle Nutzung gab es dann noch nach dem Zweiten Weltkrieg, da waren amerikanische Soldaten dort stationiert.

00:27:34: Dann diente diese Moschee zeitweise als Jazzclub oder als Nachtclub wo Jazzmusik gespielt wurde.

00:27:41: Auch eine ganz schöne Vorstellung eigentlich.

00:27:43: Ja, eine sehr vielseitige Nutzung kann man auf jeden Fall sagen.

00:27:46: Im Verlauf des Jahrhunderts oder in der zweiten Hälfte des Jahrhunters verfiel die Anlage dann nach und nach.

00:27:52: das ist ja auch sehr teuer so etwas entstand zu halten.

00:27:56: Der Schlossgarten wurde ab den neunzehn- siebziger Jahren dann umfassend restauriert.

00:28:00: Die Moschee wurde sehr lange dann aufwendig saniert und es war dann zwei tausend Sieben abgeschlossen.

00:28:07: Das hat ein bisschen was gekostet, ein paar Millionen Euro, aber heute erstrahlt sie quasi in altem Glanz wieder.

00:28:14: Sie wird auch aufgrund von diesem rosernen Sandstein als rote Moschee bezeichnen.

00:28:20: Jetzt kommen wir zum Ende der Folge für heute.

00:28:22: Und was ist denn für dich, der Clou an der ganzen Sache?

00:28:26: Ich denke das spannendste daran ist dass hier ja nicht nur eine exotische Kulisse aufgebaut worden ist oder so ein Folli wie du gesagt hast sondern dass diese Schwätzinge Moschee ja deutlich darüber hinausgeht also dass die ja einen Ort für sich ist und dass sie auch wenn es natürlich keine richtige Moschée ist dafür steht dass Sie ein Beispiel und dass sie Ideen der Aufklärung oder der Vernunft eben nicht nur im Christentum oder in der westlichen Welt sieht, sondern auch im Islam so wie das beispielsweise bei Nathan der Weise ja auch praktiziert wird.

00:29:01: Ja

00:29:02: also wenn ihr mal in der Nähe seid dann schaut doch mal in den Schlossgarten Schwetzinge und besucht die Moschee.

00:29:10: schaut es euch genau an.

00:29:11: wir freuen uns wenn ihr uns dann eure Eindrücke schildert.

00:29:15: Wir freuen uns außerdem natürlich besonders wenn du uns eine gute Wertung da lasst.

00:29:19: Wenn ihr den Podcast weiter empfehlt, vielleicht an Freunde oder Verwandte oder auch an alle die ihr kennt und falls ihr selber Ideen habt für Orte, die wir in Zukunft mal besprechen können dann schreibt uns an halload-hier-und-ort.de natürlich auch wenn ihr Fragen zur heutigen Folge habt.

00:29:36: wenn euch was aufgefallen ist das einfach alles an uns schreiben und wir freuen uns sehr wenn ihr dann auch das nächste Mal wieder mit dabei seid.

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