Folge 11 - Ein Königreich für ein Schloss

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00:00:00: Intro-Musik

00:00:04: ,320 [Nele] Herzlich willkommen bei Hier und Ort, wo Geschichte zu Hause ist. Ich bin Nele.

00:00:09: ,660 [Marcel] Ich bin Marcel und in diesem Podcast nehmen wir euch mit an Orte, die mehr erzählen, als man auf den ersten Blick denken würde.

00:00:17: ,860 [Nele] Diese Woche sind wir an einem Ort, an dem Traum und Wirklichkeit miteinander verschmelzen.

00:00:22:

00:00:24: ,780 [Kopfkino] Vor uns erstreckt sich eine Landschaft aus sanften grünen Hügeln, dunklen Wäldern und hohen Bergen. In der Ferne ragen schroffe Gipfel in den Himmel. An ihren Hängen wechseln sich Felsen und dichte Nadelwälder ab. Dazwischen glitzern Seen im Sonnenlicht. Auf einem steilen Felsen hoch über dem Tal thront eine Burg. Ihre weißen Mauern leuchten vor dem dunklen Grün der Wälder. Schlanke Türme mit spitzen Dächern ragen in die Höhe, dazwischen Erker, Giebel und Zinnen. Alles erinnert an eine mittelalterliche Ritterburg. Und doch wirkt der Bau seltsam unwirklich. Fast zu hell, zu prächtig, zu vollkommen. Wie eine Burg, die einem Märchen entsprungen ist. Was das mit Schwänen, Walt Disney und einem Thronsaal ohne Thron zu tun hat, das erfahrt ihr in der heutigen Folge.

00:01:16:

00:01:17: ,160 [Nele] Okay, vielleicht haben sich's einige von euch schon gedacht, wir sind diese Woche in Neuschwanstein.

00:01:23: ,580 [Marcel] Im Märchenschloss.

00:01:24: ,480 [Nele] Genau, ein Märchenschloss im Allgäu. Es thront auf einem über 1.000 Meter hohen Fels, sieht ziemlich alt aus.

00:01:32: ,420 [Marcel] Es sieht so aus, wie man sich vielleicht im Traum eine mittelalterliche Burg vorstellt oder wie Kinder eine mittelalterliche Burg malen würden. Der Eindruck ist vollkommen falsch, denn das Gebäude ist tatsächlich aus dem späten 19. Jahrhundert, also aus einer Zeit, in der man keine Burgen mehr gebraucht hat. Es war keine Wehranlage, das war kein Sitz einer Regierung oder eines Königs, sondern das steht einfach so da. Und man muss auch sagen, es wurde nicht so erbaut, wie in Mittelalter Burgen erbaut wurden. Im Gegenteil, also hinter dieser mittelalterlichen Fassade steht eine ziemlich moderne Stahlkonstruktion. Dieses Gebäude wurde mit den damals modernsten Möglichkeiten errichtet. Es ist quasi ein Hauptwerk des Historismus, wenn man so sagen kann. Also Historismus, nur kurz, um das vielleicht mal zu erläutern, das ist so eine Stilrichtung aus dem 19. Jahrhundert. Da hat man gesagt, die Leute haben früher sehr schöne Stile gehabt, im Mittelalter, in der Neuzeit, in der Antike. Die konnten das aber noch nicht so richtig gut bauen. Die hatten nicht die technischen Möglichkeiten. Jetzt haben wir die technischen Möglichkeiten, da bauen wir moderne Gebäude, die aber so aussehen, als wären sie so alt wie aus dem Mittelalter oder der Antike.

00:02:47: ,880 [Nele] Wunderbares Beispiel auch das Berliner Stadtschloss.

00:02:49: ,380 [Marcel] Jawohl.

00:02:50: ,260 [Nele] lacht] Gut. Auf jeden Fall sind wir noch gar nicht auf den berühmten Bauherrn von Neuschwanstein eingegangen, der ja eigentlich vielleicht mindestens so bekannt ist wie das Gebäude oder noch mehr.

00:03:02: ,960 [Marcel] Genau, denn zu einem Märchenschloss gehört natürlich auch ein Märchenkönig und in diesem Fall Ludwig II. von Bayern. Kennt man vielleicht. Man kennt vielleicht nicht so viele bayerische Könige, aber Ludwig II., der ist in unserem Gedächtnis geblieben und der ist nach wie vor, denke ich, sehr, sehr populär, obwohl, und das werden wir im Laufe dieser Folge noch mal näher betrachten, er darauf wirklich gar keinen Wert gelegt hat.

00:03:26: ,080 [Nele] lacht] Nein, eine sehr, sehr schillernde, exzentrische Figur auf dem bayerischen Thron. Das ist natürlich sehr spannend, sich über ihn zu unterhalten. Wir müssen nur so'n bisschen schauen. Wir wollen immer wieder auf seine Biografie auch eingehen, aber wir wollen auch bei dem Gebäude bleiben und uns so'n bisschen auf Neuschwanstein konzentrieren. Wobei eins sei gesagt direkt, Ludwig hat ja einige unglaubliche Schlösser bauen lassen. Also da ist auch noch genug Stoff für weitere Folgen da. Heute konzentrieren wir uns mal auf Neuschwanstein. Neuschwanstein ist eine der beliebtesten, meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in ganz Deutschland. Da strömen jedes Jahr über eine Million Menschen hin. Ich kann da am Ende noch mal so'n paar, äh, Superlative nennen, aber die Frage ist: Wie viele von euch waren schon mal innen drin in Neuschwanstein, wissen, wie die Räume aussehen? Und wie viele kennen auch die Hintergründe, die dazu geführt haben, dass Ludwig dieses Ding auf den Fels hat bauen lassen?

00:04:28: ,500 [Marcel] Das ist eine sehr gute Frage und die Antwort darauf ist, dass Ludwig II., wenn man's positiv formulieren will, in seine Zeit nicht so richtig gut reingepasst hat. Er hat im Grunde etwas getan, was Könige über Jahrhunderte immer gerne gemacht haben. Er hat einfach getan, was ihm gefallen hat und er hat sich eine Menge sehr schöne Schlösser errichtet, so wie das vielleicht Heinrich VIII. in England getan hat oder Ludwig XIV., der Sonnenkönig. Und er auch. Das Problem war eben nur, er lebte im 19. Jahrhundert und nicht mehr in der frühen Neuzeit, äh, in einer Zeit, in der Könige eine absolute Macht besaßen und auch ihre Zeitgenossen fanden, dass das eine sehr gute Idee wäre, dass Könige so riesige Schlösser erbauen würden. Dieses Schloss hatte insofern eigentlich keinen besonderen öffentlichen Zweck. Es gefiel ihm einfach sehr gut und er hat sich damit einen Rückzugsort erschaffen wollen, weil er mit seiner Zeit und den politischen Bedingungen auch nicht besonders glücklich war.

00:05:24: ,200 [Nele] Genau, auf die Details gehen wir dann später noch mal 'n bisschen näher ein. Ich würd jetzt grade noch mal so'n kleines bisschen zurückspulen, so zu seiner Kindheit und Jugendzeit. Erst mal ist er 1845 in München geboren. Sein Großvater, sein Namensvetter Ludwig I., muss drei Jahre später schon abdanken. Der hat ja 'ne Affäre mit einer Tänzerin.

00:05:45: ,220 [Marcel] Lola Montez.

00:05:46: ,680 [Nele] Genau, Lola Montez. Ja, es gibt noch andere Umstände, aber er muss abdanken und der Vater Maximilian II. übernimmt. Immer ein sehr distanziertes Verhältnis zum Sohn. Ludwig ist früh an Kunst interessiert, verträumt, flüchtet sich so in die Welt der Sagen und Mythen und verbringt sehr viel Zeit in Hohenschwangau, direkt gegenüber von diesem Felsen.

00:06:08: ,460 [Marcel] Mhm.

00:06:09: ,480 [Nele] Also man kann vielleicht sagen, so in der Kindheit, vielleicht schaut er da öfter mal rüber und sinniert darüber, was dort entstehen könnte. Zu dem Zeitpunkt ist oben auf dem Fels, sind die Reste von zwei früheren Burgen.

00:06:22: ,100 [Marcel] Das ist auch noch mal 'n interessanter Punkt. Es gab sogar noch authentische Überreste einer mittelalterlichen Burg. Die hat Ludwig beseitigen lassen, um diese neue Burg Neuschwanstein errichten zu können.

00:06:32: ,020 [Nele] Die heißen nicht so kreativerweise Vorder-Schwangau und Hinter-Schwangau, diese beiden Burgen.

00:06:38: ,400 [Marcel] lacht]

00:06:38: ,300 [Nele] Und die müssen dann weg. Vielleicht nur als Randnotiz: Die Burg, die dann weichen musste, um Hohenschwangau zu errichten, die hieß Schwanstein. Aber auf dem anderen Felsen. Ist jetzt 'n bisschen verwirrend, aber da, wo er als Kind aufgewachsen ist, war mal Schwanstein.

00:06:53: ,040 [Marcel] Genau, Neuschwanstein ist auch in dem Sinne kein zeitgenössischer Begriff. Also Ludwig II. hat das so nicht genannt. Der Name ist erst später hinzugefügt worden.

00:07:01: ,320 [Nele] In Hohenschwangau, der Nachbarburg, auch sehr sehenswert, vielleicht eine zukünftige Folge, hat der Vater Maximilian aber auch vieles so im Stil des Mittelalters dekorieren lassen. Da sind Wandbehänge und Gemälde, die so auf diese Zeit abheben und das beeindruckt den jungen Ludwig, der da als Kind sehr viel Zeit verbringt. Darüber hinaus ganz, ganz wichtig für ihn: das Werk von Richard Wagner.

00:07:26: ,600 [Marcel] Ja, also Ludwig II. war ein sehr, sehr großer Fan von Richard Wagner und das war jetzt nicht einfach nur aus der Ferne, sondern er hatte sehr viel persönlichen Umgang mit Wagner und hat Wagner zeitlebens auch immer sehr gefördert. Also es gebe auch die Bayreuther Festspiele oder ähnliches, das gäbe es gar nicht, wenn Ludwig II. Wagner nicht so stark gefördert und unterstützt hätte.

00:07:47: ,700 [Nele] Ja, vielleicht am Rande, also Wagner war auf der Flucht vor Steuerfahndern und es gab 'n Haftbefehl und Ludwig hat seine erheblichen Schulden übernommen. Also Wagner, kann man sagen, hat sich Zeit seines Lebens, äh, durchgeschnorrt eigentlich. Das jetzt nur mal so als Randnotiz oder vielleicht noch mal so als zur Einordnung: Wagner ist 50 Jahre alt zu dem Zeitpunkt und Ludwig ist 18 und ein glühender Verehrer dieser Opern. Und diese Opern beflügeln seine Fantasie. Da werden ja unheimlich viele Elemente so vermischt. Also Wagner selbst greift ja auch auf ältere Sagen zurück, auf mittelalterliche Sagen und verwurstet es dann in Opern wie Parsifal und Tannhäuser, Lohengrin, genau. Die drei, Parsifal, Tannhäuser und Lohengrin, sind eigentlich auch wichtig oder die wichtigsten bildgebenden Stoffe für Neuschwanstein.

00:08:39: ,919 [Marcel] Ja, und es sind Bühnendekorationen, die dort maßgeblich dann auch die Architektur beeinflussen. Also das Bühnenbild einer Lohengrin-Aufführung in der Münchner Oper ist Vorbild für die Gestaltung des Burghofs in Neuschwanstein.

00:08:55: ,600 [Nele] Genau, wenn man jetzt noch mal sich so'n bisschen die Chronologie anschaut, Ludwig wird dann 1864 ziemlich überraschend König mit grade mal 18 Jahren, weil sein Vater überraschend verstirbt. Also Maximilian II. war jetzt noch gar nicht so alt, der kriegt so'n Wundbrand und verstirbt daran innerhalb von drei Tagen. Ludwig ist noch überhaupt nicht so vorbereitet auf die Königsrolle und geht erst mal mit 'nem gewissen Enthusiasmus an die Sache ran, muss dann aber feststellen, die Zeiten haben sich geändert eigentlich.

00:09:28: ,440 [Marcel] Der König ist nicht ein reiner Repräsentant, wie man das heute vielleicht von Monarchien kennt. Also er hat schon noch reale politische Macht. Er ernennt zum Beispiel die Regierung, aber es gibt eben eine Regierung. Also es gibt Minister, die nicht unbedingt immer all das genauso tun, wie er das möchte. Er hat zwar die Möglichkeit, sie zu entlassen, aber die haben schon einen Eigenwillen und es gibt eben auch eine Verfassung, es gibt ein Parlament und dieses Parlament kann zum Beispiel über das Budget, also den Haushalt entscheiden und so weiter und so weiter. Also es ist so, dass der König schon noch eine gewisse Macht hat, aber er muss sich eben arrangieren und er muss innerhalb eines relativ modernen Systems aus heutiger Sicht eben mit unserem schon relativ viel Ähnlichkeit hat. Innerhalb dieses Systems muss er agieren und darauf hat Ludwig II., das muss man klar sagen, überhaupt keine Lust.

00:10:14: ,820 [Nele] Nee, der hat so 'ne Vorstellung von so 'nem absolutistischen Herrscherideal.

00:10:18: ,960 [Marcel] Er sieht sich auch als Mittler zwischen Gott und den Menschen. Also das ist-

00:10:21: ,120 [Nele] Ein König von Gottes Gnaden und sein großes Vorbild ist eigentlich Ludwig XIV., der Sonnenkönig in Frankreich. Dann muss er eben feststellen, dass da seine Ideale und die Wirklichkeit, die politische Realität, herzlich wenig miteinander zu tun haben.

00:10:36: ,500 [Marcel] Ja.

00:10:36: ,180 [Nele] Dann kommen noch andere Faktoren dazu. Also natürlich ist die Erwartung hoch an den jungen Thronfolger, dass er eine Ehe eingeht, eine standesgemäße und einen weiteren Thronfolger produziert. Das Problem ist, es ist jetzt heute eigentlich weitgehend gesichert, dass Ludwig homosexuell war und er ist auch kurz verlobt, löst aber diese Verlobung wieder. Er ist eben mit unheimlich vielen Problemen konfrontiert. Also so, er kann politisch nicht agieren, wie er möchte. Er kann, ja, nicht seine Sexualität ausleben, wie er möchte. Er hat wahrscheinlich auch unglaubliche Schuldgefühle. Er ist Katholik. Das ist alles, ähm, sehr schwierig. Er ist auch-- Er wird immer menschenscheuer und zieht sich auch immer stärker zurück. Und in dieser Zeit beginnt dann auch seine Leidenschaft für das Bauen. Und da hat er mehrere Bauprojekte, die er anstößt, unter anderem Neuschwanstein. Das ist das Erste, was er beginnt. Da hat er dann schon 1867 ein erstes Vorbild gesehen, nämlich da besucht er die Wartburg bei Eisenach zusammen mit seinem Bruder Otto.

00:11:41: ,420 [Marcel] Genau, die Wartburg, man kennt es, wahrscheinlich war ja der Ort, an dem sich Martin Luther versteckt hat und auch das Neue Testament ins Deutsche übersetzt hat. Die Wartburg ist zwar auch eine mittelalterliche Burg, aber tatsächlich ist sie im 19. Jahrhundert stark verändert worden. Also da sind noch mal in der Vorstellung oder wie sich die Menschen damals eben das Mittelalter idealerweise vorgestellt haben, erhebliche Bauten hinzugekommen. Diese Bauten, also eher jetzt diejenigen aus dem 19. Jahrhundert, die dann auch teilweise in Opernaufführungen verwendet worden sind, sind dann auch noch mal Vorbilder für bestimmte Bauelemente in Neuschwanstein.

00:12:19: ,320 [Nele] Wagner hat eben auch eine Oper namens Tannhäuser geschrieben. Die haben wir ja auch schon erwähnt, beziehungsweise der volle Titel ist Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg. Wagner lässt seine Oper dort spielen. Das ist ganz wichtig für Ludwig und er lässt sich dort inspirieren für den Fest- und Sängersaal, den er später in Neuschwanstein errichten lässt. Da gibt's eben auch einen großen Sängersaal in der Wartburg. Das ist 1867 und er geht dann gleich zum--... Werke und 1868 soll's dann eigentlich losgehen. Er entwirft auch selbst Zeichnungen. Er hat sich dann diesen Felsen ausgeguckt, direkt gegenüber von Hohenschwangau. Dann muss erst mal, müssen Vorarbeiten passieren. Das ist gar nicht so leicht. Da sind ja auch noch diese Überreste der tatsächlichen mittelalterlichen Burgen.

00:13:08: ,180 [Marcel] Ja, die in keiner Weise rekonstruiert werden soll, sondern die kommt weg, damit Platz für diese Traumvorstellung einer mittelalterlichen Burg geschaffen wird.

00:13:15: ,660 [Nele] Genau. Also ich glaub, da müssen bis zu acht Meter Fels erst mal abgetragen werden, entfernt werden. Das ist natürlich 'ne Heidenarbeit. Und dann muss auch überhaupt 'ne Zugangsstraße geschaffen werden, weil ja von unten aus'm Tal Baumaterial rangeschafft werden muss. Also diese Straße ist dann, glaub ich, erst 1869 fertig. Dann wird auch irgendwann der Grundstein gelegt und dann geht's überhaupt erst los. Ich greif jetzt mal vor. Also es wird fast 20 Jahre daran gearbeitet. Es wird nicht fertig. Das Gebäude ist in dem Sinne nie fertiggestellt worden, so wie Ludwig sich das vorgestellt hat. Aber es war eine riesige Baustelle für lange Jahre und ein ganz, ganz wichtiger Arbeitgeber auch in der Region, denn da haben teilweise so am Tag 200 Personen gearbeitet, manchmal auch mehr. Man sagt auch, dass Ludwig dann manchmal vorbeigekommen ist zu Inspektionen. Irgendwie hat er sich das besonders gerne nachts angeguckt im Fackelschein.

00:14:10: ,800 [Marcel] Ja, man, man muss dazu sagen, also Ludwig hat das nicht nur in Auftrag gegeben und einfach einen Architekten beauftragt oder einfach sozusagen abmalen lassen, was Richard Wagner vielleicht sich vorgestellt hat. Er hatte schon sehr, sehr präzise Vorstellungen, wie das aussehen soll. Also natürlich hat er sich Entwürfe zeigen lassen, aber hat immer und immer wieder Dinge zurückgehen lassen, korrigiert und Änderungen verlangt.

00:14:31: ,660 [Nele] Ja, ich glaub, der, er war 'n sehr albtraumhafter Kunde, aber es war natürlich auch sehr, sehr lukrativ. Also er hat Unmengen von Geld da rein versenkt. Er hat dann auch immer wieder etwas neu und von vorne wieder anfangen lassen, was ihm nicht gepasst hat. Also auch 'ne Schnitzerei oder, äh, 'n Gemälde. Wenn das nicht genauso war, wie er sich's in seiner Fantasie erträumt hatte, dann musste man einfach noch mal von vorne anfangen.

00:14:55: ,120 [Marcel] Natürlich.

00:14:56: ,560 [Nele] lacht] Ja, also da konnte er tatsächlich vielleicht so sein absolutistisches Herrschertum zumindest in diesem kleinen Zusammenhang ausleben, wenn man so möchte. Auf dieser Baustelle war er wirklich der uneingeschränkte König. Vielleicht so'n paar Statistiken von der Baustelle für euch. Da wurden 465 Tonnen Marmor hochgeschafft, 1.550 Tonnen Sandstein, über 400.000 Ziegelsteine und über 2.000 Kubikmeter Holz. Also es war irre, es war enorm. Und natürlich gab's eigentlich keine motorisierten Möglichkeiten. Ich hab mir so'n paar historische Aufnahmen angeschaut. Es wurde dann mit so Ochsenkarren den steilen Weg da hochgeschafft. Trotzdem auch immer schon Zeichen der Industrialisierung. Es gab Kräne, die auch Baumaterial hin- und hergewuchtet haben und die waren zum Teil auch mit Dampf betrieben.

00:15:46: ,740 [Marcel] Wir hatten's vorhin ja auch schon einmal angesprochen. Das ist ein modernes Gebäude. Also es hat eine Stahlkonstruktion, da wurden moderne Stahlzargenfenster eingesetzt und auch die Küche entsprach dem modernsten Stand, äh, den man damals erreichen konnte.

00:16:00: ,820 [Nele] Da waren alle möglichen Leute den ganzen Tag beschäftigt. Also ich glaub, im Sommer war so'n Arbeitstag mindestens elf Stunden lang, fing schon vor Tagesanbruch an. Es gab dort Maurer, Steinmetze, Schreiner, Zimmerleute, noch weitere natürlich auch später dann noch Maler, Holzschnitzer. Was denen auch zugesetzt hat, war das alpine Wetter. Im Winter war's natürlich viel zu kalt. Da wurde unten im Tal, wurden dann schon mal Steine behauen, um das für den Sommer fertig zu machen. Die mussten auf hohen Gerüsten arbeiten. Dafür, dass die Baustelle so lang gedauert hat, gab's erstaunlich wenig tödliche Unfälle. Also es sind nur so'n paar verzeichnet, wo Menschen einfach von den Gerüsten runtergefallen sind, aber es muss schon in schwindelerregender Höhe gewesen sein ohne adäquate Sicherung. Vielleicht trotzdem ganz erwähnenswert, Ludwig hat so 'ne Art soziale Absicherung geschaffen. Alle Arbeiter mussten in so 'ne Kasse einbezahlen, 'n kleinen Betrag, sodass wenn sich jemand verletzt hatte, konnte der dann daraus bezahlt werden und wenn er tödlich verunglückt ist, wurde der Witwe was daraus ausgezahlt. Das war immerhin schon so'n bisschen sozial gedacht für einen absolutistischen Herrscher besonders.

00:17:09: ,460 [Marcel] Ja, und dieser gesamte unglaubliche Aufwand hat ja trotzdem, also trotz der Zeit und trotz all dieser Mitarbeiter überhaupt nicht ausgereicht, dieses Schloss fertigzustellen, denn es waren ursprünglich 200 Räume geplant, die errichtet werden sollten in dem Schloss.

00:17:26: ,560 [Nele] Ja, und davon wurden 93 gebaut, also so im Sinne dessen, dass da was konstruiert wurde, aber wirklich eingerichtet sind nur 14 Stück. Das sind auch die, die man bei 'nem heutigen Besuch durchläuft. Da würd ich euch vielleicht mal so'n kleinen Überblick geben und versuchen, 'n Eindruck davon zu geben, was einen erwartet. Wobei ich jetzt, glaub ich, nicht alle Räume ausführlich beschreibe, sondern einfach mich so auf die wichtigsten konzentriere. Erst mal kommt man am unteren Vorplatz an. Da gibt's dann Wandgemälde mit der nordischen Sigurdsage. Also Sigurd ist verwandt mit der Figur des Siegfried im Nibelungenlied. Da ist dann ein marmornes Portal, das einen empfängt, um in den Thronsaal zu gelangen. Und im Thronsaal versucht Ludwig seine Vorstellung von seinem Königtum von Gottes Gnaden umzusetzen. Das ist im byzantinischen Stil gehalten. Also es-

00:18:23: ,760 [Marcel] Ja, und das ist kein Zufall, denn in der byzantinischen Tradition gibt's nicht den Kaiser und den Papst, sondern der Kaiser ist gleichzeitig auch der Papst, wenn man so will, ne. Sogenannter Caesaropapismus, also in einer Person ist die Gewalt über die weltliche und die geistliche Sphäre vereint.

00:18:40: ,160 [Nele] Ja, und dieser Thronsaal verfügt über eine sehr reiche Ausstattung, unter anderem einen Mosaikboden, der aus, halt dich fest, zwei Millionen kleinen Mosaiksteinen zusammengesetzt ist.

00:18:52: ,980 [Marcel] Das hat gedauert.

00:18:53: ,060 [Nele] Ja, und der zeigt Pflanzen und Tiere. Also es ist so'n, dieser byzantinische Stil. Auch 'n riesiger Kronleuchter ist da zu sehen. In dem Thronsaal inszeniert Ludwig letzten Endes so das Königtum, wie er's versteht, so als sakral.

00:19:09: ,320 [Marcel] Ja, Gottesgnadentum.

00:19:10: ,140 [Nele] Genau, aber es ist auch kein Regierungssaal. Da haben ja nie irgendwelche Empfänge stattgefunden. Und das Wichtigste: In dem Thronsaal steht kein Thron.

00:19:18: ,080 [Marcel] Nee, ist seine Fantasie im Grunde.

00:19:20: ,040 [Nele] Dazu kam es nie. Der war geplant, aber der wurde nicht aufgestellt. Dann geht's weiter. Es gibt dann noch ein Speisezimmer mit Eichentäfelung. Also das fand ich auch irre, weil als ich mir so die Innenräume angeschaut hab, dieser seltsame Kontrast, also für mich ist es seltsam, so dieses Orientalisierende, Byzantinisch und dann so deutsche Eiche dunkel quasi.

00:19:41: ,620 [Marcel] Ja, aber das, das ist wirklich auch was ganz Individuelles bei Ludwig II., weil zum Beispiel preußische Herrscher, die haben eben immer versucht, die Tradition der eigenen Dynastie, der eigenen Familie in so einer idealisierenden Art und Weise aufzubereiten oder die eigene Geschichte in den Vordergrund zu stellen. Aber das ist Ludwig II. völlig egal. Also dem geht's nicht um die eigene Dynastie, dem geht's nicht um Bayern. Der sucht sich vollkommen eklektisch alles raus, was ihm irgendwie gefällt. Und dann spielt es halt keine Rolle, ob's aus dem Orient ist, aus Byzanz, aus den deutschen Sagen oder aus Frankreich, was auch immer. Also er ist, was er möchte, sucht er sich zusammen.

00:20:16: ,924 [Nele] Genau, also noch mal Stichwort, das Abtauchen in Traumwelten quasi. Sehr interessant ist auch das Schlafzimmer. Da hat er sich ein unglaublich, also wirklich unglaublich aufwendig geschnitztes Holzbett reingestellt. Das ist-- So im neugotischen Stil. Also, das hat auch so diese ganz fein ziselierten Abschlüsse wie 'ne gotische Kathedrale. Da haben vier Tischlermeister-Schnitzer über viereinhalb Jahre an diesem Bett nur gearbeitet. Und wenn dem irgendwas nicht gepasst hat, dem Ludwig, dann konnten die aber wieder von vorne anfangen.

00:20:53: ,264 [Marcel] lacht] Mhm.

00:20:55: ,864 [Nele] Das Ding ist wirklich sehr, sehr sehenswert, dieses Bett. Das ist natürlich, wär ja kein richtiges Himmelbett, wenn da nicht auch noch ein Stoff wäre, den man so vorziehen kann. Und der Stoff ist auch noch mal ganz interessant. Das ist blaue Seide mit Kronen drauf, mit Wappen drauf und mit Schwänen. Da sollten wir jetzt vielleicht mal kurz auf dieses Schwan-Thema eingehen. Es steckt ja schon im Namen Neuschwanstein und für Ludwig ist der Schwan so'n ganz wichtiges Motiv. Also, der Schwan ist auch schon im Familienwappen, aber der Schwan spielt auch in dieser Oper Lohengrin so eine Rolle.

00:21:26: ,364 [Marcel] Ja, Lohengrin ist der Schwanenritter und deshalb, ja, ist das ganz wichtig.

00:21:31: ,524 [Nele] Jetzt so'n bisschen schon mal vorgegriffen, einem anderen Schloss hat Ludwig dann auch, äh, so'n Schwanenboot, in dem er gern rumgefahren ist. In Neuschwanstein wiederum begnügt er sich mit dem Schwanenmotiv einfach auf Stoffen oder auf, als Gegenstände, die so im Raum rumstehen, auf Gemälden, aber der Schwan taucht immer wieder überall auf. Vom Schlafzimmer gehen wir dann weiter. Es gibt dann noch so 'ne kleine Kapelle. Also, er hatte wie so 'ne private Andachtskapelle. Und dann ein wichtiger Raum ist eben auch das Wohnzimmer. Das orientiert sich eben auch wieder an dieser Oper Lohengrin. Das hat 'n L-förmigen Grundriss. Also, erst mal sieht man nur rechteckigen Grundriss, aber es hat noch einen abgetrennten Alkoven. Der ist so mit abgetrennter Bereich, der durch so Säulen vom Hauptraum abgetrennt ist. Da drin sind dann auch Bilder, die den Lohengrin zeigen, geschnitzte Eichenmöbel, wieder blaue Seide mit Schwänen drauf und ein riesiger Porzellanschwan von Villeroy & Boch. Das ist 'ne Art Blumenvase. Also, da wurden Blumenarrangements reingestellt.

00:22:34: ,324 [Marcel] Traumhaft.

00:22:35: ,184 [Nele] lacht] Genau. Und dann eine der interessantesten Sachen in ganz Neuschwanstein ist der Übergang vom Wohnzimmer zum Arbeitszimmer. Und zwar der Übergang ist eine Grotte.

00:22:47: ,124 [Marcel] Mhm.

00:22:48: ,544 [Nele] Also, er hat sich in Innenräume quasi etwas bauen lassen, was man außen findet. Also, er hat da auch solche Bühnenmaler kommen lassen. Die haben dann da mit so 'ner Draht-Gips-Konstruktion eine künstliche Grotte erschaffen. Das war wirklich sehr modern für seine Zeit. Er hatte da so 'ne farbige Beleuchtung. Also, diese Grotte konnte rot oder blau angeleuchtet werden. Das bezieht sich auch auf Tannhäuser. Da gibt es diesen Venusberg, der steht für die Verführung. Und um den so nachzuempfinden, hat er diese Grotte bauen lassen. Ich glaub, es war sogar möglich, da auch noch so'n bisschen Regen zu erzeugen. Das konnte wiederum auch 'ne Trennwand, konnte dann diese Grotte verschließen. Also, diese Wand war so ein- und ausziehbar. Also, das war schon sehr Hightech für die Zeit. Wenn man dann durch die Grotte durch ist, kommt man ins Arbeitszimmer. Da hat er dann wieder Gemälde zum Thema Tannhäuser und Sängerkrieg auf der Wartburg, auch 'nen Schreibtisch. Also, er hat ja dann irgendwann die Regierungsgeschäfte auch nur noch schriftlich erledigt.

00:23:54: ,384 [Marcel] Genau. Also, er war nicht in München in seiner Residenz, aber er musste natürlich trotzdem Regierungsgeschäft übernehmen. Also, er musste auf jeden Fall Vorlagen, Gesetze und so weiter, er musste das ja alles unterzeichnen und seine Regierung war daher gezwungen, ihm alle Unterlagen nach Neuschwanstein zu schicken und da hat er sie dann bearbeitet.

00:24:12: ,384 [Nele] Das ist alles, was ich beschrieben hab, im dritten Obergeschoss des Schlosses. Und dann gibt's noch 'n viertes Obergeschoss und das wird komplett eingenommen von dem Sängersaal. Das ist, bezieht sich auf die Oper Parsifal. Es ist ein riesiger Raum. Man muss sich das so vorstellen, dass Ludwig nie vorhatte, dass da irgendwie größere Menschenmengen rein sollen. Er hat das gerne nachts einfach alleine durchschritten, hat sich oft mit ganz vielen Kerzen das erleuchten lassen und ist so in seine Traumwelt abgedriftet und hat sich diese Wandgemälde angeschaut im Kerzenschein, war komplett allein in diesem riesigen Schloss.

00:24:51: ,944 [Marcel] Mhm.

00:24:52: ,404 [Nele] Und genauso war das eigentlich auch gedacht von Anfang an.

00:24:55: ,504 [Marcel] Das war das Ziel und es ist erstaunlich, was dann am Ende daraus geworden ist. Vielleicht ist das jetzt noch mal die entscheidende Frage: Warum wurde dieses Schloss eigentlich gar nicht fertig?

00:25:03: ,744 [Nele] Das hat natürlich damit zu tun, ihr wisst es alle, Ludwig ist ziemlich früh verstorben unter mysteriösen Umständen. Vielleicht, ja, skizzieren wir trotzdem mal so'n paar der Ereignisse rund um seinen Tod. Die Stimmung hatte sich dann schon ordentlich gedreht. Das war dann 1886. Ludwig war zu dem Zeitpunkt schon über 20 Jahre auf'm Thron, hatte sich immer mehr zurückgezogen aus der Öffentlichkeit.

00:25:31: ,884 [Marcel] Genau, und man muss jetzt dazu sagen, also, wenn man sich jetzt die Frage stellt, wie konnte er eigentlich dieses Schloss und seine ganzen anderen Projekte finanzieren? Das hat er tatsächlich getan aus der sogenannten Zivilliste. Also, das war damals so, das ist ja auch heute noch so, dass Monarchen und ihre Familien aus der Staatskasse einen bestimmten Betrag bekommen für ihre persönliche Hofhaltung und ihre persönlichen Aufgaben und Interessen, wenn man so will. Und aus diesen Geldern heraus hat Ludwig II. im Wesentlichen das alles finanziert. Er hat darüber hinaus auch Kredite aufgenommen.

00:26:04: ,684 [Nele] Genau, Bankkredite.

00:26:05: ,164 [Marcel] Bankkredite und so weiter. Also, das waren jetzt nicht Gelder aus dem normalen Haushalt des Staates, aber es waren natürlich Haushaltsgelder, die für den König vorgesehen waren. Das hat er jetzt nicht selber verdient in dem Sinne, aber das war das, was ihm nach dem damaligen Recht zustand und das hat er für diese Schlossprojekte verwendet und er hat dem internationalen Geldmarkt eben entsprechend auch noch Kredite bekommen. Damit war aber dann 1886 Schluss. Er war im Grunde pleite, kann man so sagen.

00:26:33: ,552 [Nele] Genau, er war hoch verschuldet, wirklich sehr verschuldet. Er hatte 14 Millionen Mark Schulden.

00:26:39: ,652 [Marcel] Damals sehr viel Geld.

00:26:41: ,572 [Nele] Es ist auch immer sehr schwer, das umzurechnen natürlich, aber wenn man unbedingt möchte, müsste man das heute so mit über 100 Millionen Euro Schulden gleichsetzen. Ja, er hat aber trotzdem immer weiter Geld gefordert, wollt sich da nicht zufriedengeben, hatte ja auch noch andere Bauprojekte im Kopf, die schon geplant waren. Dann hat man ihn in seiner Abwesenheit und ohne Untersuchung für geistesgestört erklärt.

00:27:06: ,792 [Marcel] Ja, also seine Regierung war nicht mehr bereit, das zu finanzieren und sie war auch überhaupt nicht bereit, irgendwelche Steuermittel dafür einzusetzen. Man sieht eben, wie sehr dort zwei verschiedene Lebenswelten aufeinanderprallen. Also das ist ja am Ende des 19. Jahrhunderts und weder der Großteil der bayerischen Öffentlichkeit noch die Regierung hat ein Verständnis dafür, dass ein König diese riesigen Bauwerke errichten darf, nur weil es ihm Spaß macht. Und der König hat überhaupt kein Verständnis dafür, dass irgendjemand ihm da reinredet, was er da mit seinen Bauprojekten tun darf. Und das führt dann eben zu diesem Knall und, äh, in diesem Zusammenhang entscheidet sich die Regierung dann wahrscheinlich in dem Sinne medizinisch nicht haltbar, ihn für geisteskrank zu erklären. Er mag an irgendwelchen Krankheiten gelitten haben, aber, äh, das ist quasi eine Art Ferndiagnose, die da erstellt wird.

00:27:56: ,092 [Nele] Also sein Bruder Otto war ja möglicherweise wegen einer nicht ausgehaltenen Syphilis tatsächlich geistig erkrankt-

00:28:04: ,512 [Marcel] Ja

00:28:04: ,272 [Nele] ... und konnte ja die Regierungsgeschäfte auch nicht ausüben. Auch nach Ludwigs Tod dann ja Luitpold übernommen, der Onkel.

00:28:11: ,892 [Marcel] Ja, der Prinzregent. Man kennt es vielleicht vom Bier.

00:28:13: ,772 [Nele] lacht] Genau. Aber Ludwig selbst ist n-n-nicht zu Lebzeiten offiziell oder war bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht für geisteskrank erklärt worden. Er hatte natürlich ein schon erratisches Verhalten gezeigt, ne. Also er hieß ja auch König der Nacht beispielsweise, weil er sich immer mehr drauf verlegt hat, tagsüber zu schlafen und in der Nacht wach zu sein und dann, ne, mit 'ner Kerze da in seinen Schlössern umherzuwandeln und hat sich ja immer mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

00:28:43: ,912 [Marcel] Ja, und er hat V-Verschwörungstheorien entwickelt und alles Mögliche, in der Hinsicht auch. Das ist-- Und man sieht noch mal den Unterschied vielleicht, als er dann in Gewahrsam genommen werden sollte oder ihm quasi übermittelt werden sollte, dass man ihn jetzt seines, ähm, also natürlich ni-nicht das Königtum wegnimmt, aber ihm quasi seine Befugnisse wegnehmen würde. Da, ähm, hat er geschrien, dass er die entsprechende Kommission blutig peitschen lassen möchte. Also, ja.

00:29:08: ,652 [Nele] Ja, die Mittel hatte er zu dem Zeitpunkt gar nicht. Ein wichtiger Punkt war tatsächlich auch 1883 ist ja auch Wagner gestorben. Die beiden hatten sich vorher schon entfremdet oder waren nicht mehr so eng wie vorher. Wagner hatte auch den Bogen überspannt, aber trotzdem hat ihn dieser Tod von Wagner unheimlich getroffen und er hat wohl gesagt, dass er jetzt eigentlich gar keinen Sinn mehr sieht im Leben und hat ihn ja auch nur drei Jahre überlebt. Die Umstände bleiben mysteriös. Er sollte am 10. Juni 1886 schon zum ersten Mal verhaftet werden in Neuschwanstein. Da kam 'ne Delegation und da haben tatsächlich treue Gefolgsleute diese Delegation davon abgehalten, weiter ins Schloss vorzudringen.

00:29:45: ,732 [Marcel] Die haben sie sogar kurzzeitig festgesetzt. Also das war 'n, ja.

00:29:48: ,432 [Nele] Ja, und, ähm, so wie's Ludwigs Wunsch auch war, ich glaub, eine Hofmeisterin oder so hatte eine Peitsche eingesetzt sogar, äh, zeitweise, um die am Weitergehen zu hindern. Er hätte dann vielleicht Zeit gehabt zu fliehen, hat er nicht getan. Sie kamen zwei Tage später wieder, am 12. Juni, und haben ihn dann festnehmen können. Es gab wohl irgend'nen Verräter in seinen Reihen. Es wurde eine Tür offen stehen gelassen, durch die konnten die dann rein und er kam grad die Treppe runter und da haben sie ihn festgenommen. Er hat wohl noch so ganz geistesgegenwärtig gesagt, wie sie zu ihrer Diagnose kommen, ne, ohne ihn untersucht zu haben. Und er wurde dann zum Starnberger See gebracht, zu einem anderen Schloss. Tatsächlich hat seine geliebte Cousine und vertraute Kaiserin Elisabeth von Österreich, Sisi-

00:30:34: ,572 [Marcel] Die Sisi

00:30:34: ,432 [Nele] ... die Sisi, die war grad in der Nähe, die war auch am Starnberger See, die war am anderen Ufer gegenüber. Die beiden hatten zeitlebens 'n enges Verhältnis, weil die beide vielleicht auch so'n bisschen Exzentriker aufm Thron waren. Er ist dann am Abend des 13. Juni, also schon 'n Tag später, zu 'nem Spaziergang aufgebrochen mit seinem Arzt und nie mehr zurückgekehrt. Die beiden wurden dann leblos im Wasser des Starnberger Sees gefunden. Bis heute ist unklar, was genau passiert ist. Also der Doktor war übel zugerichtet, der hatte Würgemale. Man sollte davon ausgehen, dass Ludwig ihn niedergerungen hat. Der war im Übrigen fast zwei Meter groß und, ähm, am Ende seines Lebens auch sehr, sehr schwer. Also ein Riesenkoloss, der König. Der Arzt, glaub ich, sehr viel kleiner und schmächtiger. Aber Ludwig hatte kein Wasser in der Lunge. Er ist in medizinischem Sinne nicht ertrunken im Starnberger See. Es bleibt unklar. Es gibt dann so Verschwörungstheorien, dass jemand behauptet hat, er hätte Einschusslöcher am Rücken gesehen, aber die Familie Wittelsbach lässt bis heute den Leichnam nicht untersuchen.

00:31:36: ,592 [Marcel] Das gibt natürlich Raum und Möglichkeit für sehr viele Theorien und das ist eine Geschichte, die damit sich als nicht abgeschlossen anfühlen kann. Aber das ist auch, also jetzt nur, um das noch in anzufügen, auch noch mal, wie Ludwig II. so als Person gewesen ist. Er hatte wohl sogar kurz vor seinem Tod oder kurz vor seiner Absetzung, wenn man so sagen will, auch noch mal Kontakt mit dem Reichskanzler Bismarck. Das fällt ja auch noch in die Zeit. In dieser Zeit fand ja die, auch, äh, zur Zeit von Ludwigs Regentschaft fand ja die Gründung des Deutschen Reiches statt. Bayern wurde ein Teil des Deutschen Reiches und Otto von Bismarck war der Reichskanzler. Und erstaunlicherweise hatte er zu ihm ein gutes Verhältnis und Bismarck hatte Ludwig geraten, er könne sich retten, er könne sogar seinen Thron retten, indem er schnell nach München eile und sich dort dem Volk zeige. Das hat Ludwig II. rundheraus abgelehnt. Also die Vorstellung, er würde sich da irgendwie von einer Öffentlichkeit oder von seiner Bevölkerung abhängig machen-... machen, war ihm vollkommen zuwider. Im Gegensatz zu seinem Vater, der verschiedene Projekte der Volkspädagogik und Erziehung hatte. Also hatte er wirklich überhaupt kein Interesse an irgendwelchen populären Maßnahmen.

00:32:44: ,512 [Nele] Er hat ja wohl auch gesagt, dass er diese ganzen Schlösser lieber sprengen lassen würde, als da andere Leute reinzulassen. Da sollte es dann wirklich ganz anders kommen. Also er stirbt im Juni 1886. Sechs Wochen später werden die Tore geöffnet von Neuschwanstein und auch anderen Schlössern für zahlende Öffentlichkeit. Das war wirklich 'ne Maßnahme des bayerischen Staates, um diese horrenden Schulden abzutragen. Und das Irre ist, die haben das innerhalb einer Rekordzeit geschafft. Das ist 1902, glaub ich, 16 Jahre nach seinem Tod, haben die Eintrittsgelder diese unglaublichen Schulden amortisiert und seitdem ist es eine Cash Cow für Bayern geworden.

00:33:29: ,992 [Marcel] Ludwig II. hat eine unglaubliche touristische Infrastruktur für Bayern geschaffen. Ein Ziel, das er beim besten Willen natürlich niemals gehabt hat. Aber es ist das Ergebnis.

00:33:39: ,832 [Nele] Vielleicht sollten wir jetzt noch mal ganz kurz drauf eingehen, was Ludwig noch vorhatte mit Neuschwanstein, was einfach aber nie passiert ist, weil er frühzeitig gestorben ist. Eigentlich war noch geplant, einen maurischen Saal einzurichten. Also was ich euch erzählt hab, sind ja im vierten Obergeschoss und dritten Obergeschoss die Räume, die man auch heute sehen kann. Im-- Das hätte im zweiten Obergeschoss darunter sein sollen. Ein maurischer Saal, äh, mit orientalisierender Architektur und Bögen und Springbrunnen. Also es gibt immer Zeichnungen von diesen Plänen. Dann hätte es auch noch ein Ritterbad geben sollen, also so zum Thema rituelle Reinigung. Das hat auch alles so mit diesen Gralsmythen und der Reinheit der Ritter zu tun. Es hätte einen Bergfried geben sollen, einen ganz hohen Turm noch mal im Burghof. 90 Meter hätte der hoch sein sollen, noch mal mit 'ner eigenen Kapelle unten drin. Dazu kam's dann auch nicht mehr. Es hätte eine Kemenate geben sollen, wo sich die Damen aufgehalten hätten. Also ich mein, da hätte ja nie jemand drin wohnen sollen. Es hätte ja immer nur diesen mittelalterlichen Räumlichkeiten nachempfunden werden sollen. Es gab noch verschiedene andere Pläne, weitere Gästeräume, Festräume, Gartenanlagen und so weiter. Das konnte dann alles nicht mehr vollendet werden. Man hat das dann in ganz, ganz vereinfachter Form aus Kostengründen noch so fertiggestellt, dass es eben nicht irgendwie verwittert und dass es so einigermaßen geht. Ganz praktisch vielleicht: In diesem zweiten Obergeschoss befinden sich jetzt heute einfach Räume, äh, wie, äh, das Museumscafé für die Besucher. Das ist vielleicht auch noch mal 'n gutes Stichwort für euren heutigen Besuch in Neuschwanstein. Da gibt's verschiedene Dinge, die man beachten sollte. Zum einen ist es eigentlich essenziell, vorher online 'ne Karte zu kaufen. Es gibt immer Restkarten auch im Ticketzentrum unten im Tal, aber da muss man dann in den frühen Morgenstunden für anstehen. Also um's euch noch mal so vor Augen zu führen: Im Jahr kommen ungefähr 1,4 Millionen Leute nach Neuschwanstein und in den Höchstzeiten, an den ausgelastetsten Tagen, sind es 6.000 Personen am Tag.

00:35:47: ,972 [Marcel] Das ist wahnsinnig viel und, äh, viele von diesen Menschen kommen auch aus dem Ausland, aus Amerika. Und das hat ja auch noch mal einen speziellen Grund.

00:35:56: ,692 [Nele] Ja, stimmt. Im 20. Jahrhundert reiste dann ein Mann namens Walt Disney mit seiner Frau Mitte der 50er Jahre nach Deutschland und hat da auch Neuschwanstein gesehen. Er hat sich von diesen Formen inspirieren lassen und hat dann dieses berühmte Disney-Logo entworfen mit diesem Schloss. Das ist ja auch heute noch so das Logo vom Euro Disneyland ist, zum Beispiel.

00:36:20: ,972 [Marcel] Neuschwanstein hat Walt Disney inspiriert und Walt Disneys Logo hat unsere Vorstellung davon geprägt, wie ein Märchenschloss aussieht und wir finden es in Neuschwanstein.

00:36:30: ,672 [Nele] Wenn ihr Neuschwanstein besuchen wollt, dann bucht euch unbedingt 'ne Karte vorher online. Dann ist noch wichtig zu wissen: Wenn man am Fuß dieses Felsens ist, dann kommt ein ziemlich steiler 30- bis 40-minütiger Aufstieg zu Fuß. Man muss unbedingt seinen Zeitslot erwischen, weil die einen gnadenlos abweisen, wenn man irgendwie zu spät kommt, weil man diesen Fußweg unterschätzt hat. Es gibt alternativ auch noch die Möglichkeit, motorisiert hochzukommen beziehungsweise auch mit einer Kutsche. Also da kann man dann so'n Service buchen und sich da hochkutschieren lassen. Es ist ausschließlich im Rahmen einer Führung möglich, diese Räume zu sehen. Die dauert so 30 bis 40 Minuten, dann ist man da auch wieder durch. Genau, sieht dann diese Innenräume. Es gibt deutschsprachige und englischsprachige Führungen und dann ansonsten andere Sprachen noch mit Audio Guides. Im Anschluss an die Räume kann man noch die historische Küche sehen. Das hattest du ja auch gesagt, die ist auch beeindruckend, weil die für die damalige Zeit eben sehr modern eingerichtet war. Wenn man schon dort ist, dann lohnt sich natürlich auch ein Besuch in Hohenschwangau, um sich vielleicht so'n bisschen 'n Eindruck zu verschaffen, wovon Ludwig da genau in seiner Kindheit geprägt wurde. Dann kommen wir jetzt langsam zum Schluss der heutigen Folge. Da frag ich dich, Marcel, was hat dich denn an Neuschwanstein, an der heutigen Folge so am meisten überrascht oder fasziniert?

00:37:53: ,392 [Marcel] Ja, das Faszinierende ist, dass dort eine Person, die aus der Zeit gefallen war, sich einen persönlichen Traum erschaffen hat, der ihm ganz alleine gehören sollte und die Folge davon gewesen ist, dass er damit einen unglaublichen Touristenmagnet erschaffen hat. Also dass das heute etwas ist, das nicht nur von Millionen Menschen besucht wird, sondern dass die Vorstellung eben auch grade durch Walt Disney, die Vorstellung von wahrscheinlich den meisten Menschen auf der Welt, wie so ein mittelalterliches Schloss aussieht, geprägt hat.

00:38:26: ,072 [Nele] Das ist, äh, wirklich ikonisch geworden und 'ne ganz wichtige Einkommensquelle auch in Bayern und in Deutschland. Wenn euch die heutige Folge gefallen hat und ihr vielleicht auch was gelernt habt, was ihr noch nicht wusstet, dann freuen wir uns auch sehr, wenn ihr den Podcast anderen empfehlt, allen, die ihr kennt, von denen ihr denkt, dass es sie interessieren könnte. Wir freuen uns auch über Feedback. Ihr könnt uns immer schreiben an hallo@hierundort.de mit Vorschlägen für neue Orte oder mit Lob oder Kritik, je nachdem. Und wir freuen uns, wenn ihr auch nächstes Mal wieder einschaltet. [Musik]

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