Folge 1 - Wohnen für ein Halleluja
Shownotes
⚠️ Spoiler: Der Ort dieser Folge ist… …die Fuggerei in Augsburg – die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt. Seit 1521 wohnen hier bedürftige Augsburgerinnen und Augsburger zu einer symbolischen Jahresmiete. Noch heute gelten die von Jakob Fugger festgelegten Grundprinzipien. Literatur • Astrid Gabler: Die Fuggerei. 500 Jahre (2020) • Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungen (Hg.): Die Fuggerei: Soziale Heimat seit 1521 (2023) • Greg Steinmetz: Der reichste Mann der Weltgeschichte: Leben und Werk des Jakob Fugger (2016) • Karin Schneider-Ferber: Jakob Fugger der Reiche: Kaufmann, Bankier, Kaisermacher (2025)
Links zur Folge • Besucherinformationen • Führungen durch die Fuggerei
Credits Cover Art: Boh Design Kopfkino-Sprecher: Piet Gampert Schnitt: Alperen Aras
Transkript anzeigen
00:00:00:
00:00:04: Herzlich willkommen bei Hier und Ort, wo Geschichte zu Hause ist.
00:00:08: Ich bin Nele.
00:00:11: Und in diesem Podcast nehmen wir euch mit an Orte die mehr erzählen als man denken würde.
00:00:16: Diese Woche sind wir an einem Ort, an dem Glaube und Geld eng miteinander verbunden sind.
00:00:22: Doch bevor es jetzt gleich mit der heutigen Folge losgeht kommt erst einmal zur Einstimmung das Kopfkino!
00:00:33: Gelbe Häuser, grüne Fensterläden, enge Gassen die sich schnurgerade durch die Siedlung ziehen.
00:00:39: E-Voll klettert an den Wänden im Poor ein Brunnenplätschert leiser.
00:00:43: Irgendwo fällt eine Tür ins Schloss.
00:00:46: Alles wirkt geordnet fast gleich und doch voller kleiner Details!
00:00:52: Eine geschnitzte Türklinge, einer heiligen Figur über dem Eingang – Ein Garten hinter der Mauer.
00:00:58: Hier leben Menschen schon seit fünfhundert Jahren.
00:01:17: Ja Marcel, ich glaube wir können es direkt mal auflösen.
00:01:20: Wir sind heute im wunderschönen Augsburg!
00:01:22: Ja genau und heute geht es um die Fugerei – Die älteste Sozial-Siedlung der Welt in der die Miete jährlich bei Achtundachtzig Cent liegt.
00:01:34: Ich glaube, Achtunachtzig-Cent könnten sich die meisten von uns noch leisten.
00:01:39: Wie man sich denken kann sind die Wartelisten lang und alle Wohnungen dort belegt aber wir wollen mal genau herausfinden wie es dazu kam dass Menschen dort heute für so einen geringen Betrag wohnen können.
00:01:53: Und wie man es schon am Namen hört, hat das Ganze mit der berühmtesten Händlerfamilie Augsburgs oder beziehungsweise auch ganz Deutschlands zu tun – mit den Fuggern?
00:02:05: Ja, Achtundachtzig Cent sind ein im Grunde absurd präzise Betrag und das liegt daran dass ursprünglich die Bewohner dieser Fuggerei, die vor über fünfhundert Jahren gegründet wurde einen sogenannten rheinischen gulden zahlen mussten.
00:02:22: das war die damalige wehrung eine goldmünze und menschen haben sich die mühe gemacht mal zu überlegen was der heutige wert eines solchen guldens ist.
00:02:32: das ist natürlich alles immer ein bisschen schief was diesen vergleich angeht weil die menschen damals natürlich andere dinge benötigt haben gekauft haben und manche dinge Heute für uns möglich und billig sind.
00:02:45: Damals unerschwinglich waren, umgekehrt viele Dinge billiger waren als sie für uns heute sind.
00:02:49: Insofern kann man das immer nur so begrenzt vergleichen.
00:02:51: Man kann aber auf jeden Fall sagen es war damals und ist heute sehr günstig.
00:02:57: Und das verdankt die Stadt Augsburg den Fuggern – und auf die wollen wir jetzt nochmal ganz genau blicken!
00:03:03: Ja du hast dich ja ein bisschen mehr mit der Geschichte der Fugger auch beschäftigt.
00:03:06: für unsere Folge heute?
00:03:08: Ich habe bei den Fuggern, denke ich immer so Handelshaus.
00:03:12: Die sind sowas die Medici für Florenz waren quasi also.
00:03:17: sie sind so die bekannteste Handelsdynastie Deutschlands eigentlich.
00:03:22: das stimmt absolut aber genau wie die medici war sozusagen der entscheidende Grund für den unglaublichen Reichtum dieser Familie gar nicht der handel sondern das finanzgeschäft.
00:03:37: wie die Medici waren, die Fugger nicht zuletzt Bankiers und haben mit Finanzdienstleistungen würde man sehr modern sagen unglaublich viel Geld verdient.
00:03:48: Aber da haben sie sich mit der Zeit erst hin entwickelt.
00:03:51: tatsächlich tauchen die Fugger das erste Mal im vierzehnten Jahrhundert in der Geschichte auf mit Hansfugger.
00:03:58: Das war ein Weber, durchaus kein armermann, ein Mensch mit Immobilienbesitz, der nach Augsburg gezogen ist und dort einen Textilhandelsgeschäft aufgemacht hat – damit hat er ganz ordentlich Geld verdient ohne dass er deswegen jetzt besonders reich gewesen wäre!
00:04:15: Und er hat vorteilhaft geheiratet und seine Frau hat ihn auch um einige Jahrzehnte überlebt, und sein Geschäft fortgeführt.
00:04:22: Und als sie gestorben ist, vierzehntetvierunddreißig da gab es eine sehr präzise Liste.
00:04:28: Da war sie im Ranking der reichsten Augsburger auf Position siebenundzwanzig.
00:04:33: Nicht schlecht!
00:04:34: Das klingt schon nach einer reichen Frau?
00:04:35: Auf jeden Fall.
00:04:36: Ja also in der wohlhabenden Frau ohne dass das jetzt schon irgendwas mit einem Märchenhaften Reichtum zu tun hat... Also Augsburg müssen wir uns zu dem Zeitpunkt als eine für damalige Verhältnisse große Stadt vorstellen.
00:04:49: Eine Reichsstadt, das heißt sie hatte jetzt keinen Fürsten über sich sondern war unmittelbar zum Kaiser hat eine Selbstverwaltung und damals so ungefähr zwölf tausend Einwohner, also wenn ne deutsche Stadt nicht so wenig bar
00:05:03: da an Platz siebenundzwanzig?
00:05:04: Da hat man schon ein bisschen Geld.
00:05:07: aber genau der Beginn ist quasi schon mit ganz konkreten Waren nämlich Textilien
00:05:12: Genau, aber es war auch so dass die ersten Fugger also darf man sich jetzt nicht so vorstellen das sie einfach nur vor Ort ein Geschäft hatten und an die umliegenden Leute verkauft haben sondern sind dann schon sehr bald auch in den Fernhandel eingestiegen.
00:05:25: Also das prosperiert in dieser Zeit.
00:05:27: Augsburg prosperierte generell als Stadt der Handel hat dort prosperiert und es gibt europaweit eben auch so eine Entwicklung die den internationalen Handel in dieser Zeit begünstigt hat.
00:05:40: Es ist das ausgehende Mittelalter, in Italien schon der Beginn der Renaissance, der moderne Handelswege verbessern sich, dass moderne Bankenwesen wird erfunden wie ersten Staaten nach heutigen Vorstellungen entstehen am Neustrukturen hohen Finanzbedarf usw.
00:05:57: Und in diesem Zusammenhang nimmt auch der Handel zu und die Fugger sind eines von vielen Familienunternehmen, die in diesem Handel tätig
00:06:05: sind.".
00:06:05: Die denken ja auch von Anfang an international und denen ist auch ein Stück weit klar, dass Geld- und Politik sehr eng miteinander verwoben sind.
00:06:16: Ja also das ist dann letztlich vielleicht auch so ein bisschen die Folge des großen Erfolgs.
00:06:20: Die Fugger waren wenn wir ein bisschen vorgreifen und auf den berühmtesten der Fugge blicken Jakobfugger genannt der reiche Galt können wir gleich nochmal drüber reden oder gilt Zeitweise als der reichste Mensch der Weltgeschichte.
00:06:36: Jakob Fugger zu seinen Zeiten war so, dass die Fugge eben nicht mehr nur im Handel tätig gewesen sind sondern auch in der Produktion aber eben vor allem auch im Finanzgeschäft.
00:06:47: das heißt sie haben Reichen meistens herrschern, aber auch dem Papst bei Finanzierungen geholfen.
00:06:53: Sie haben in Geld vorgestreckt und mit diesen Geldgeschäften sehr viel Geld verdient.
00:06:59: Und dadurch dass sie eben diese Nähe zu diesem mächtigen Menschen hatten und diese mächtige Menschen eben auch so einem guten Teil auf sie angewiesen waren konnten sie erheblichen Einfluss ausüben.
00:07:08: Das berühmteste Beispiel war sicherlich die Königswahl von fifteenhundertneunzehn und da ging es darum das im heiligen römischen Reich deutscher Nation ein neuer gewählt werden sollte.
00:07:21: und in diesem Zusammenhang muss man bedenken, dass dieses heilige Römische Reich eine ganz besondere Art von Staat wenn man so will gewesen ist.
00:07:32: Das war nämlich keine Erbmonarchie wo einfach der Sohn auf den Vater folgte sondern da musste jeweils ein König gewählt.
00:07:40: Zu diesem heiligen römischen Reich deutscher Nation gehörte eben nicht nur das heutige Deutschland, dazu gehörten auch Teile von Italien, Österreich, Schweiz, Tschechien, Niederlande, Belgien und so weiter.
00:07:52: Und wahlberechtigt in diesem Zusammenhang war eine Gruppe von mächtigem Reichsführsten die sogenannten Kurfürsten Und das führte dazu, dass sich eine illustre Zahl von Thronanwärtern zusammenfand.
00:08:09: Die Interesse daran hatten, König dieses heiligen Römischen Reiches zu werden.
00:08:14: Dazu gehörte beispielsweise Heinrich VIII.
00:08:18: Ein wichtiger Anwerter war auch Franz I., König von Frankreich aber auch der König Spanien, Karl V. Am Ende ist es tatsächlich Karl V gelungen gewählt zu werden weil er eine riesige Bestechungssumme aufgebracht hat, um eine Mehrheit im Wahlkollegium zu gewinnen.
00:08:36: Und diese
00:08:37: Summe hatte er nicht selbst?
00:08:39: Die
00:08:39: musste
00:08:40: er sich von den Fugern holen!
00:08:42: Zwei Drittel dieser Summe wurden von den fuggern bereitgestellt.
00:08:45: also die Fugger verfügten über enorme Finanzmittel.
00:08:49: da sind wir jetzt auch bei sehr modernen vergleichen.
00:08:51: Auch wenn die Fuger zunehmend durch ihre Geschäfte und ihre Finanzgeschäfte mehrchenhaft reich wurden hatten sie derart große Summe auch nicht selbst.
00:09:00: Und sie haben Geschäfte damit gemacht, dass sie beispielsweise selbst Kredite bei Investoren aufgenommen haben und diese Kreditte dann ihrerseits wieder gewinnbringend an andere Schuldner weitervergeben haben und damit zusätzliche Gewinne gemacht
00:09:15: haben.".
00:09:15: Also das heißt Sie konnten durch solche Tricks wenn man so will oder durch solche ja im Grunde auch sehr modernen Ideen ihr Vermögen unglaublich vermehren?
00:09:23: Ja vielleicht auch alles ein bisschen undurchsichtig zum Teil
00:09:27: Ja, zum Teil.
00:09:28: Also es gibt ja sehr schöne Geschichte von RZ-Zog Siegismund von Tirol.
00:09:33: mit dem hast du dich auch mal beschäftigt?
00:09:36: Ich habe mir ein bisschen diese Figur angeschaut weil der noch einmal eine ganz wichtige Rolle gespielt hat um die Fugger in dieser Sphäre der Superreichen zu heben quasi.
00:09:46: Weil dieser Siegismus von Turol war so ein bisschen Hallotri und vielleicht auch ein bisschen Idiot.
00:09:54: ich finde auf jeden Fall Das Motto seiner Familie ist ganz interessant.
00:10:00: Es bedeutet auf Deutsch, es ist löblich wenn man es versucht hat wenigstens.
00:10:08: So ganz grob übersetzt das ist ja schon mal so ein kleiner Fingerzeig was für eine Art Mensch das ist.
00:10:15: der hat viel unehrliche Kinder gezeugt.
00:10:18: Der hat viel Metressen, der verprasst sein Geld und fängt irgendwelche Unnützenkriege an und arbeitet heftig dran seinen immenses Vermögen zu verringern.
00:10:29: Und die Fugger ... ja ich weiß nicht ob man sagen kann konnten ihnen aufgrund seiner vielleicht etwas mangelnden Weizsicht ein wenig auch ausnehmen wie eine Weihnachtsgans?
00:10:42: Ich weiß nicht, ob das ein bisschen zu überspitzt formuliert ist aber sie konnten auf jeden stark davon profitieren, was Sigismund zu bieten hatte.
00:10:51: Und das war Silber!
00:10:52: Genau weil.
00:10:53: auf den ersten Blick klingt es nach einem richtig schlechten Geschäftsmodell so jemandem Geld zu leihen also einmal weil man nicht davon ausgehen konnte dass er's zurückzahlt.
00:11:01: und zweitens wir befinden uns ja im fünften Jahrhundert und die Welt damals ist ja durch Drungen von christlichen Idealen auch wenn die Menschen die nicht immer befolgt haben.
00:11:10: Und zu christlichen Idealen gehört ja auch das Zinsverbot.
00:11:14: Das heißt, eigentlich dürfte man mit Geldverlei überhaupt kein Geld verdienen?
00:11:18: Die Frage war jetzt nun wie sollten die Fugger damit irgendeinen Geschäftserfolg erzielen?
00:11:23: und sie haben es ganz schlau gemacht.
00:11:25: Sie haben diesem Siegismund Geld geliehen.
00:11:27: der konnte dieses Geld nicht zurück zahlen.
00:11:29: aber Tirol verfügte damals über du hast es eben angesprochen bedeutende Silberminen.
00:11:34: dann hat man sich eben darauf geeinigt dass die Fuger diese Silbermine entsprechend ausbeuten dürfen.
00:11:41: Also es wurde sozusagen ein Fixpreis festgelegt wie viel Silber diesem geliehenen Kredit, diesen geliehenden Betrag entspricht und dieses Silber durften die Fugger dann entsprechend entnehmen ohne Gewinn.
00:11:55: Aber der Witz an der Geschichte war das auf dem Markt tatsächlich dieses Silberg viel mehr wert war als der Fixpreis, der da vereinbart worden war.
00:12:03: Das heißt, die Fuger haben quasi eigentlich ohne Gewinntieses Silber bekommen.
00:12:08: Dieses Silber dann aber auf den internationalen europäischen Markt mit hoher Marge weiterverkauft.
00:12:13: da ließen sich riesige astronomische Gewinde quasi erzielen und vermögen, verdoppeln oder verdreifachen vielleicht.
00:12:21: Das katapultiert die dann in eine Sphäre, die ihresgleichen sucht letzten Endes.
00:12:26: Du hast ja schon gesagt, Jakob Fugger wird manchmal in der Literatur von manchen Historikern als reichster Mann aller Zeiten bezeichnet oder reichester Mann der Weltgeschichte.
00:12:37: Man ist ja immer so ein bisschen scharf auf diese Superlative – das haben wir auch selber im Kopfkino kurz verwendet!
00:12:43: Wir müssen natürlich so ein bisschen zurück rudern und sagen, es ist nicht ganz so simpel das jetzt mit anderen zu vergleichen zu anderen Zeiten.
00:12:52: Und Jakob Fugger und Elon Musk können ja auch sehr verschiedene Dinge anschaffen von ihrem Vermögen!
00:12:58: Das stimmt aber sie waren beide zu ihrer Zeit unsagbar.
00:13:02: oder sind es?
00:13:03: Unsagbar
00:13:03: reich?!
00:13:04: Sie haben teilweise oder haben Monopole und sie konnten und können unglaublichen politischen Einfluss ausüben.
00:13:11: Also ich denke, diese Vergleiche kann man schon ziehen.
00:13:14: Es gibt Leute die sich auch hier die Mühe gemacht haben genau auszurechnen wie viel denn möglicherweise das damalige Vermögen Jakob Fogers heute wert wäre.
00:13:24: es kursiert da eine Zahl von vierhundert Milliarden Euro.
00:13:27: insofern könnte Elon Musk sogar nach drüber liegen.
00:13:30: aber genauso wie mit dem Beispiel von den Achtundachtzig Cent am Anfang ist das auch dieses Mal natürlich schief und lässt sich nicht genauso vergleichen.
00:13:38: Man kann auf jeden Fall festhalten, dass Jakob Fugger ein unglaublich reicher Mensch gewesen ist – ein unglaubliche Einflussreicher Mensch!
00:13:45: Und zu seiner Zeit, zu seinen Lebzeiten Anfang des sechzehn Jahrhunderts als er vor allem auch der entscheidende Chef des Fuggarfamilienunternehmens war, sicherlich der erfolgreichste und reichste Bankier in Europa.
00:13:58: Man wird nicht der erfolgreichste Bankier ohne schon auch durchsetzungsstark zu sein und sehr, sehr zielstrebig.
00:14:06: Das müssen Persönlichkeitsmerkmale gewesen sein die Jakob Fugger geprägt haben.
00:14:11: ich denke auch mit einer gewissen Härte muss man vorgehen.
00:14:14: aber es gibt auch noch die andere Seite und das ist die eines vom Katholiten.
00:14:19: Jakob fugger lässt diese Fuggerei fifteen einundzwanzig bauen.
00:14:24: Vier Jahre vorher haben wir den Thesenanschlag in Wittenberg.
00:14:28: Also, da ist ja einiges im Schwange in dieser Zeit... Und
00:14:32: der besondere Kniff daran ist es die Fugge auch ganz entscheidend diesen Ablasshandel des Papstes mitfinanziert haben also insofern auch durchaus eine Art Hassobjekt von Martin Luther gewesen sind.
00:14:44: Der
00:14:44: bezeichnet das Ganze als Fugger rein!
00:14:47: Mit CK.
00:14:49: Wobei man sagen muss, so wurden die Fugge tatsächlich auch geschrieben teilweise und es gab ja noch keine Rechtschreibung.
00:14:55: Ja, okay.
00:14:56: Aber ...
00:14:57: aber es war abwertend gemeint auf jeden Fall.
00:14:59: Ja, Ludwig hat sich ja über einige abführlich geäußert im Lauf der Zeit.
00:15:03: Aber genau also dieser Jakob Fugge ist dann so ganz im Geiste seinerzeit beseelt von diesem Gedanken der Karitas, also der Milltätigkeit.
00:15:16: Der möchte etwas zurückgeben an die Bevölkerung Augsburg und gründet diese Sozialsiedlung zu seinen Lebzeiten entstehende bereits fünfzig Häuser.
00:15:26: Das wird dann noch ein bisschen erweitert, da kommen wir gleich nochmal drauf zu sprechen.
00:15:29: aber ja das ist ein ganz konkreter Akt der Frömigkeit nämlich auch in dem Sinne dass alle Bewohner die dort einziehen im Gegenzug für ihre unglaublich niedrige Miete sich verpflichten dreimal am Tag für Jakob Fugger und seine Familie zu beten.
00:15:49: Ja und das ist ein Verhalten, dass in dieser Zeit sicherlich nicht unüblich ist.
00:15:53: Also es gibt viele reiche Menschen die Stiftungen begründen und die Gegenleistung dafür ist, dass für ihr Seelenheil gebetet wird.
00:16:02: aber das ist durchaus nicht nur eine Verhaltensweise aus dem Mittelalter wie du weißt Nele sondern das reicht noch viel weiter zurück.
00:16:09: Ja, es hat mich an was erinnert aus meinem Studium.
00:16:11: Ich bin ja Altorientalistin und habe mich damals dann auch mit sogenannten Beta-Statuetten beschäftigt.
00:16:19: Das waren so kleine Figuren die von wohlhabenden Menschen in den Tempeln aufgestellt wurden und quasi in einer permanenten Bethaltung für ihren Stifter Gebetegesprochen haben.
00:16:32: Also es ist ja nur so eine Symbolfigur.
00:16:33: In Fuggeis Fall sind das sehr leibhaftige Menschen.
00:16:36: Ja, die mussten wirklich dreimal am Tag beten und ich glaube wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ist das heute noch so?
00:16:43: weiß nicht, ob man das nachprüfen kann bei allen.
00:16:46: Ob die das auch wirklich ordentlich machen?
00:16:48: Aber sie sollen einmal am Tag einen Vater unser sprechen, einmal ein Ave Maria und einmal noch das apostolische Glaubensbekenntnis.
00:16:58: Ich weiß nicht ,ob das zu bestimmten Uhrzeiten noch festgelegt ist oder vielleicht kann man es auch morgens schon aus dem Weg schaffen oder so.
00:17:05: Genau!
00:17:06: Es gibt diesen Aspekt der Frömmigkeit in einer der katholischen Frömigkeit der erste Angriffe durch den Protestantismus drauf erfolgen.
00:17:18: Man kann, wenn man die Fugerei heute besucht das unter anderem auch noch sehen daran dass über den Hauseingängen so kleine Nischen zu finden, wo katholische Schutzheilige angebracht sind.
00:17:33: Dass ein Schutzpatron das Haus hütet und beschützt?
00:17:36: Das ist ja was Erz-katholisches quasi!
00:17:39: Und es ist im Zuge des Protestantismus, dann gab's diesen Bildersturm, wo natürlich viel zerstört wurde – und das ist gar nicht mehr so häufig zu finden.
00:17:49: aber in der Vogerei ist da eben auch noch eine kleine Insel der Katholie Hausfrömigkeit zu sehen.
00:17:57: Ja, sehr schön und vielleicht erzähl doch noch mal ein bisschen was darüber.
00:18:01: wie stellen wir uns diese Wohnungen vor?
00:18:03: Da leben ja tatsächlich Menschen heute da drin.
00:18:06: Wie sind denn da die Wohnbedingungen eigentlich?
00:18:08: Genau, also wir haben es ja schon erwähnt.
00:18:10: Es sind dann mehr Häuser als zu Jakob Fuggers Zeiten, als er noch gelebt hat circa fünfzig Häuser.
00:18:16: Es ist jetzt heute insgesamt siebenundsechzig Häuse mit einhundertzwanzig Wohnungen.
00:18:23: Also man merkt das geht ungefähr so auf dass etwa zwei Wohnungen pro Haus sind.
00:18:29: Ja, das ist ganz clever gelöst.
00:18:31: eigentlich eine Wohnung im Obergeschoss einem Untergeschoss aber separate Eingänge.
00:18:35: die Größe ist so eigentlich Jetzt auch heute noch so eine ganz gute Wohnungsgröße für Singles oder Paare, würde ich sagen.
00:18:44: Also es sind so forty bis sixty Quadratmeter große Wohnungen.
00:18:48: Die haben eine Küche die haben Wohnraum und ein Schlafzimmer.
00:18:52: Heute sind da auch moderne Bäder eingebaut.
00:18:55: Die haben Heizung ganz normal und ein Internetanschluss, aber es sind natürlich jahrhundertealte Gebäude.
00:19:03: Und da stand dann schon zu Beginn der Fugerei so'n Gedanke im Vordergrund.
00:19:08: Da ging's auch ein Stück weit um Selbstversorgung.
00:19:11: also diejenigen mit einer Erdgeschosswohnung, die hatten auch Zugang zum Beispiel zu einem Garten, einem Hof.
00:19:17: Da konnte man vielleicht ein bisschen Obst Bäume anbauen oder Hühner halten.
00:19:24: Also das hat auf jeden Fall auch so ein bisschen einen ländlichen Charakter gehabt.
00:19:28: Selbstversorgung und dass man sein eigenes Obst- oder Gemüse anbaut, das ist ja eine lange Tradition.
00:19:33: also das war sicherlich in dieser Zeit üblich.
00:19:36: aber ich habe mich jetzt gerade gefragt was muss man denn machen um so eine Wohnung zu bekommen?
00:19:41: Man kann sich heute noch bewerben als Mieter oder Mieterin in der Vogerei, aber die Bedingungen sind auch immer noch dieselben.
00:19:48: Man muss katholischen Glaubens sein sich verpflichtend dreimal am Tag zu beten.
00:19:53: man muss natürlich auch ein Einwohner oder Einwunnerin von Augsburg sein.
00:19:57: ich weiß nicht ob man dort geboren sein muss, wahrscheinlich reicht es, dass man eben eine gewisse Zeit dort gelebt hat und den Hauptbohnsitz in Augsburg hat.
00:20:05: Und natürlich ganz, ganz wichtig – man muss bedürftig sein!
00:20:09: Also schon auch nachweisen, das man das finanziell nötig hat.
00:20:14: Die Bedingungen haben historisch immer gegolten es finanziell nötig haben, das war damals eben verknüpft mit dem Begriff des sogenannten Hausarmen.
00:20:27: Also ein Hausarme war dann jemand der gearbeitet hat, also schon eine Arbeitsstelle hatte oder vielleicht eine kleine Rente.
00:20:36: Aber wo dann das Einkommen trotzdem nicht ausgereicht hat um den Lebensunterhalt zu sichern?
00:20:41: Das haben wir ja leider heutzutage auch immer noch dass eine große Zahl von Leuten trotz Arbeit sich kaum leisten können zu wohnen.
00:20:50: und vielleicht nochmal ganz spannend, wir haben das ja auch in dem Kopfkino kurz erwähnt.
00:20:57: Es gibt auch einen bekannten Namen der eine Zeit lang in der Vogerei gewohnt hat?
00:21:02: Ja die meisten würden den Namen mit Augsburg gar nicht in Verbindung bringen aber er gehört auch dahin.
00:21:08: Genau!
00:21:10: In der Nummer vierzehn hat eine Zeitlang Franz Mozart gelebt Und das ist der Urgroßvater von Wolfgang Amadeus Mozart.
00:21:20: Die Mozart sind ja dann mit Leopold Mozart, das ist er Vater von Wolfgang Amadeius, sind die dann nach Salzburg gegangen aber eben stammen eigentlich aus Augsburg.
00:21:32: und dieser Franz Mozart, der ist noch überhaupt nicht irgendwie musikalisch besonders
00:21:38: aufgefallen.
00:21:39: Aufgefallen?
00:21:40: Wir wissen nicht, ob er vielleicht talentiert war aber er hat nichts in die Richtung gemacht.
00:21:43: beruflich der war Maurermeister also halt einfach Handwerke.
00:21:48: und dann gibt's so eine Geschichte die ist jetzt nicht so gut belegt bzw.
00:21:54: es ist jetzt noch hundertprozentig klar ob das so stimmt aber man fragt sich natürlich warum musste der in der Vogerei leben?
00:22:01: also warum hat er das finanziell nötig gehabt?
00:22:04: Und es gibt so eine Story, dass er als junger Mann in seinem Zwanzigern dabei geholfen hat jemanden zu begraben der eine unerbare Person war.
00:22:13: Nämlich ein Schafrichtergeselle.
00:22:16: Man kennt das ja so diese Hänke und so weiter was sie eigentlich ein bisschen außerhalb dieser Gesellschaft
00:22:22: leben.
00:22:23: Ja man hat den Anspruch genommen weil man wollte mit denen nichts zu tun haben.
00:22:26: Das ist dann so ähnlich wie mit Prostituierten die gelten als unehrbar und stehen außerhalb der Gesellschaft.
00:22:34: Und es ist anscheinend so gewesen, dass dieser Franz Mozart geholfen hat bei dem Begräbnis.
00:22:39: Was ja eigentlich erst mal ein Akt der Nächstenliebe ist und das möglicherweise sich auf seine Berufsoptionen ausgewirkt hat nämlich, dass er dadurch dann Aufträge als Maurermeister verloren hat und verarmt ist Das sind zumindest Vermutungen von einigen Forscherinnen.
00:22:57: Ich glaube, es ist nicht letztgültig geklärt aber er hat auf jeden Fall für zwölf Jahre – von
00:23:09: Ja, ich denke was zu der enormen Kontinuität.
00:23:12: Der Fuggerei auch noch dazugehört ist dass es die Familie Fuga immer noch gibt.
00:23:16: also sie sind nicht mehr so märchenhaft reich wie im sechzehn Jahrhundert.
00:23:20: das Geschäftsmodell hatte sich irgendwann ein wenig überlebt.
00:23:23: Ein wichtiger Faktor war, dass Philipp II.
00:23:26: von Spanien ein wichtiger Kreditnehmer der Fugger irgendwann einem Staatsbankrott erklärte und nicht mehr bereit in der Lage war die Kredite zurückzuzahlen.
00:23:35: aber die Fugge sind weich gefallen kann man sagen.
00:23:37: sie haben sich auch diesmal angepasst.
00:23:39: es war ihnen gelungen in den Hochadel aufgenommen zu werden.
00:23:42: also viele derjenigen die heute zur Fuggar-Familie gehören haben noch Grafentitel in ihren Namen.
00:23:49: Sie haben Immobilien und Waldbesitz und ähnliches Und aus der Familienstiftung der Fugger wird auch die Fuggerei bis heute finanziert und betrieben.
00:23:59: Aber ich habe gelesen das, und vielleicht kannst du uns dazu noch ein bisschen mehr sagen nicht alle Gebäude der Fuggerei tatsächlich im Original erhalten geblieben sind?
00:24:10: Nee es gab tatsächlich im Zweiten Weltkrieg Zerstörung.
00:24:14: wir fast überall und da sind ich glaube circa zwei Drittel der Gebäuden zerstört worden wurden dann wieder aufgebaut.
00:24:22: Ja, nur so als Randnotiz tatsächlich.
00:24:24: Wenn man da auch heute hingeht und sich das anschaut ... Das sind so diese hübsch-Ockerfarben, gelblich-Ockerfarben angestrichenen Häuser.
00:24:32: Auch der Anstrich ist jetzt nicht original aus der Zeit der Fuggerne.
00:24:35: Das stammt so aus dem Biedermeier im neunzehnten Jahrhundert.
00:24:39: Also auch schon die Häuser, die da im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, waren jetzt ein bisschen verändert gegenüber dem Originalzustand.
00:24:47: Aber genau, die mussten dann nach dem Krieg wieder aufgebaut werden.
00:24:52: Während der Bombardierung konnten sich die Bewohner tatsächlich in einen Luftschutzbunker retten, der dort eigens errichtet worden war und den es bis heute noch gibt.
00:25:03: Das ist auch vielleicht ganz interessant weil der Bunker ein Teil der Museen ist, die man vor Ort anschauen kann.
00:25:11: Das ist natürlich
00:25:12: ein wichtiger Punkt, also dass man sich nicht nur die Häuser angucken kann in denen ja auch Menschen leben sondern das man sich diese Fugerei auch wirklich intensiver anschauen kann wenn man dort ist.
00:25:23: Genau!
00:25:23: Also es geht jetzt auch nochmal darum wenn ihr Lust bekommen habt die Fugerei zu besuchen dann könnt ihr einfach dort in Augsburg reinspazieren quasi von der Straße.
00:25:34: Es ist im Winter so von neun bis achtzehn Uhr geöffnet und im Sommer von neune bis zwanzig Uhr natürlich auch bedenken.
00:25:42: Es ist Privatgelände und es ist einfach bewohnt, also man muss sich natürlich respektvoll verhalten und die Menschen, die dort leben nicht stören.
00:25:52: Man kann sich dann eine Eintrittskarte kaufen, man kann sich nur Führung buchen.
00:25:56: Link zu den Führungen packen wir euch nochmal in die Show Notes genau aber man kann dann dort auch in mehreren der Häuser sich Ausstellungen angucken.
00:26:06: Zu dem Thema Leben in der Vogerei, also eins ist besonders der Nachkriegszeit gewidmet.
00:26:12: Eins zeigt Beispiele aus fünf Jahrhunderten so mit ausgewählten Familien die in der Vogerei gelebt haben.
00:26:18: Eines ist der Luftschutzbunker.
00:26:20: Also man kann sich da so einen guten Überblick verschaffen wie es war dort zu leben.
00:26:25: Das klingt außerordentlich spannend und insofern wenn man die Gelegenheit hat sollte man Das mal wahrnehmen.
00:26:31: Genau, und dann kann ich euch zum Schluss noch ein ganz kleines Fun-Fact ranhängen!
00:26:35: Wenn ihr dort seid, dann haltet nicht nur Ausschau nach diesen kleinen heiligen Figuren von denen wir gesprochen haben sondern schaut euch auch mal die Klingelzüge ganz genau an.
00:26:46: Und zwar das ist so neben allen Türen einen Metallnerstab den man ziehen kann um die Klingen aus zu lösen funktioniert auch heute noch und die haben ganz unterschiedliche Formen.
00:26:57: also jeder ist individuell geformt irgendwie mit ein bisschen Kurven oder irgendwelchen Kanten.
00:27:03: Und das hatte den Grund, dass die Häuser – weil sie alle so identisch aussehen – dass die Bewohner, die im Dunkeln dann teilweise nicht auseinanderhalten konnten und dann konnte man so ein bisschen halb blind quasi an seinen Klingel zugreifen und ertasten ob man beim richtigen Haus war oder ob man bei dem Nachbarn gelandet war.
00:27:23: Ja und lag nur an der Dunkelheit.
00:27:24: am Alkoholismus kann es nicht gelegen haben.
00:27:26: Der war nämlich verboten.
00:27:28: Es durften Nur Menschen dort wohnen, die nicht tranken und nicht spielsichtig waren.
00:27:34: Genau!
00:27:34: Nur ehrbare...
00:27:35: Richtig.
00:27:36: Hausarme.
00:27:39: Ja Nele was war denn für dich der Clou der heutigen Folge?
00:27:42: Ich würde sagen, dass katholisches Schuldbewusstsein oder Schuldgefühl manchmal ungeahnte altruistische Folgen haben kann.
00:27:51: Nämlich das Jakob Fugger aus Sorge um sein eigenes Seelenheil etwas ins Leben gerufen hat was für ein halbes Jahrtausend Menschen die es wirklich nötig hatten ermöglicht hat sehr günstig zu wohnen.
00:28:05: Ja hätte er wahrscheinlich auch nicht gedacht, dass man sich ausgerechnet deswegen vor allem an ihn erinnern würde.
00:28:10: aber ist ja nicht das Schlechteste?
00:28:12: gibt schlechtere Dinge an, die man erinnern kann.
00:28:15: Wir freuen uns auf jeden Fall sehr, wenn euch die Folge gefallen hat.
00:28:42: habt.
00:28:45: Falls es was gibt, was ihr uns sagen möchtet, was euch aufgefallen ist dann schickt uns einfach eine Nachricht an halload hier und ortee und wir freuen uns wenn ihr auch das nächste mal wieder einschaltet.
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